Neisse (2010)
Jeder Fluss und jeder Strom verdient seinen besonderen Respekt. Die wunderschöne Neisse ist allerdings gerissener als wir vermuteten. Gut vorbereitet auf das viele Umtragen starten wir im Heu-Hotel eines abgelegenen Hofes zu Köbeln. Der Radwanderweg ist gut ausgebaut und begleitet uns an den Ufern des ungezähmten Flusses.
Die Überreste einer einst blühenden Industrielandschaft beeindrucken den geneigten Kanuten im Zusammenspiel mit der wilden Natur. Wichtig: robuste und nicht allzu teure Boote. Wir starten mit einem Kajak und einem Kanu. Bei einigen Wildwasser-Passagen über gesprengte Brückenreste sind Kajaks klar im Vorteil, allerdings bekommt ein vierköpfiger Trupp dann schon einmal Versorgungsprobleme. Und da wir auf zahlreiches Gerümpel nicht verzichten können, entscheiden wir uns für den Zuladungskompromiss: Kajak und Kanu.
Die Tour haben wir gut vorbereitet: ein klappbarer Bootswagen hilft beim Umtragen der zahlreichen Wehre. Mittels Google Earth wurden die potentiellen Gefahrenstellen identifiziert und als mögliche Todespunkte im GPS gespeichert. Das hat uns auf viele Gefahren hingewiesen, allerdings ist Aufmerksamkeit und Konzentration zu jeder Zeit gefragt. Tückische Stellen gibt es auch unter Brücken, was Google nicht wirklich anzeigen kann solange Google River View nocht nicht am Netz ist…
Die Überreste des Krieges sind allgegenwärtig: zerschossene Häuserfassaden bei den Fabriken und in den Städten sowie Fragmente der gesprengten Brücken passieren wir nunmehr leidenschaftslos. Unentdeckte Stahlstreben in den Betonresten kaschieren nicht selten unsere Rümpfe.
Die Landschaft ist wunderschön und man kann verträumte Camps mitten in einer östlichen Wildnis finden. Das ist des Öfteren mit Mühe verbunden, sieht man vom Ufer doch recht wenig, aufgrund des sommerlich gedeihenden Böschungbewuches.
Die Wehre können oft umfahren werden, leider ist dies anhängig vom Pegelstand. Die Entscheidung, am Wehr mühsam einen halben Kilometer umzutragen, oder nicht weniger mühsam 3 Kilometer in versandeten Mäandern zu treidel, muss unbedingt vor Ort getroffen werden. In Forst ist es ratsam, den Mühlengraben zu befahren, da die alternative Todesstrecke nicht viel Aussicht auf Erfolg gibt. Der Bootsbauer und -verleiher Parija hilft mit kostenlosen Transporten durch die Stadt, ist doch der Mühlengraben aufgrund zahlreicher Wehre und Mühlen nur zum Teil befahrbar. Dank an das Parija-Team an dieser Stelle!
Nach Gubin folgt wieder eine der sehr tückischen Stellen. Komplette Pfeiler einer gesprengten Brücke weisen den Weg, aber Reste im Wasser sorgen für unberechenbare Verwirbelungen der Strömung. Wie die vielen anderen Stellen ist diese hier auch mit viel Geschwidigkeit zu nehmen.
Alsbald verlassen wir den aufregenden Fluss und münden auf die Oder. Hier entspannen wir uns auf dem verhältnismäßig breiten Strom und ziehen durch bis Eisenhüttenstadt, wo wir über den Kanal das Gelände des örtlichen Kanuvereins erreichen. Dort verstauen wir unsere Überreste und schwelgen ob der ereignisreichen 5 Tage auf den 88,9km insgesamt. Vielen Dank an das Team des SG Aufbau Eisenhüttenstadt!
Mit guter Vorbereitung und Lust am Abenteuer ist die Neisse DER Fluss, um seine Wildwasser-Erfahrungen auszuleben.