Kategorie-Archiv: Moving to Canada

Dezember 2013 – Icestorm

Noch bis zur letzten Minute wird malocht, um dann endlich in die verdiente Weihnachtspause zu fliehen. In diesem Jahr startet schon zum Ende des Novembers eine kurze Schnee- und Kältewelle, so dass wir auch pünktlich zum Dezember heimatliche Weihnachtsmärkte und Glühweinduft vermissen. Umso mehr freuen wir uns auf gemeinsames Plätzchen-Backen, teuren Wein in Würzwein zu wandeln sowie einen weiteren Truthahn zu bereiten – diese Vogelart hat es uns angetan.

Die Besorgungen sind am Samstag alle erledigt, der Kühlschrank ist randvoll und das Leben bereit, in vollen Zügen genossen zu werden. Dann meldete sich Murphy überraschend zu Besuch. In der Nacht zum Sonntag schrecken uns eine laute Detonation sowie ein greller Blitz auf. Sogleich gefolgt von einem weiteren Knall und Lichtkegel. Sogleich bricht der Strom zusammen und die Rauchmelder piepsen kurz auf, um Bereitschaft zu melden. Der gesamte Stadtteil ist stockduster, was sich vom 29. Stock leicht überblicken lässt. Auch ist kein Feuer zu sehen, der erste Gedanke eines Flugzeugabsturzes hat sich also glücklicherweise schnell als Irrtum herausgestellt. Dennoch leicht besorgt den nächtlichen Einsatzanzug übergestreift, erhellen kurz Straßen- und Wohnungsbeleuchtung die Nachbarschaft, und sogleich vernehmen wir die dritte Detonation und sehen direkt vor uns einen weiteren hellen Lichtball verebben. Danach folgt Dunkelheit und Stille – und wir sollten nicht die leiseste Ahnung haben, was damit auf uns zu kommt…

Der Fall ist klar: es sind naheliegende Trafos hochgegangen. Zwar schade, aber auf diesem Kontinent leider üblich. Mit der Mayflower sind damals wahrlich keine Elektriker übergesiedelt. Und so ist das Problem natürlich auch fünf Stunden später, am grauenden Morgen, noch nicht gelöst. Mit den noch geladenen Handys machen wir uns ein Bild vom Ausmaß der Katastrophe. Der gestrige Regen gefror nach und nach und hat überlastete Bäume zum Einsturz gebracht. Mit dem Wirrwarr an Überlandleitungen kommt es schon einmal vor, dass ein Baum eine Stromleitung herunterreißt. Das summiert sich, so dass allein in Toronto eine Viertel Millionen Haushalte ohne Strom sind. Da der Eisregen anhält gibt es zudem Warnungen, das Haus nicht zu verlassen und auf keinen Fall zu fahren. Sinnvoller Hinweis vor Weihnachten.

So verbringen wir den Vormittag lesend, so ein Stromausfall kann sogleich zum Segen der in der Hektik verlorenen Freizeit werden. Als es dann kalt wird, trauen wir uns wider den Warnungen auf die Straße und wärmen uns in einem Café auf. Als die ersten Meldungen kommen, die verlauten lassen, dass der Blackout bis zu 72h dauern kann, steigt unser Unmut.

In der Nacht zum Montag fällt dann der Notstrom in unserem Glascontainer aus, der Tank reicht ja auch nur für 24h. Klar, dass auch niemand auf die Idee kommt, mal die Verbrauchsmaterialien nachzubestellen. So schlagen wir uns mit Taschenlampen aus dem 29. Stock durch das eiskalte und stockdunkle Treppenhaus, die verlassene Lobby und treffen erst am Eingang wieder auf Leute. Zum Glück keine Zombies. In unserem Sportstudio wärmen wir uns erst mal aus und nutzen die heißen Duschen. Zudem schlagen wir uns durch volle Einkaufszentren und betteln in Cafés nach heißem Wasser für die Nacht. Mit dem Notstrom ist übrigens auch sämtliches Wasser weg – ja auch die Notdurft wird zum Abenteuer und Kampf um die letzten Wassertropfen.

Die Temperaturen sind mittlerweile auf minus 10 Grad Celsius gefallen und wir fragen uns, ob irgendjemand eine Gefahr zerberstender Wasserleitungen wittert. Aber hier denkt eh keiner weiter als sein Pick-Up reicht.

Am nächsten Morgen haben wir dann wieder Notstrom und tatsächlich auch pünktlich zum Heiligen Abend Strom. Was bleibt, ist die Verbitterung über die fehlende Weitsicht: Eisregen kommt zwar nicht oft vor, ist aber in Kanada doch mal zu erwarten. Bäume werden im Herbst ja offensichtlich nicht zurück geschnitten – nicht einmal in der Nähe der Überlandleitungen. Und diese werden natürlich auch nicht gewartet, sondern nur repariert, wenn sie reißen oder defekt sind – natürlich, vorbeugende Instandhaltung kostet ja Geld, was den Profit eines privatisierten Energiesektors schmälert. Dann lieber Katastrophen verursachen und diese mit Staatshilfe finanzieren. Und letztendlich die philosophische Frage, warum man in Siedlungsgebieten immer noch Leitungen über der Erde verlegt. Aber heißer Kaffee ist gefährlich…

Erkenntnis des Jahres: Dummheit kann man nicht verbieten. – Hier gehts zu Bildern

November 2013 – Chicago

Ab und zu entfliehen wir nicht nur in die Natur, sondern begeben uns auch auf die Spuren der Geschichte nordamerikanischer Siedlungszentren. Dieses Mal steht Chicago auf den Plan. Das Abenteuer an sich besteht schon in der Busreise dorthin. Für insgesamt 200 Dollar haben wir eine Busreise von Toronto nach Chicago gebucht und eine Fahrt dauert knapp zwölf Stunden. Unser Reiseplan sieht also folgendermaßen aus: Freitag trifft man sich fünf Uhr nach Feierabend im Busterminal Downtown Toronto. Die Reise stoppt kurz in London, Ontario, führt dann über die Grenze mit halt im Terminal Detroit gegen Mitternacht, und dann geht’s nonstop nach Chicago, wo wir dann 6 Uhr früh im Busterminal ankommen. Den ganzen Samstag besichtigen wir dann Chicago und um Mitternacht geht’s wieder zurück, um Sonntagmittag wieder in Toronto zu sein und sich auszuruhen. Ähnlich Toronto sind in Chicago die Steuern und damit sämtliche Preise überzogen. eine Nacht im Hotel für eine Person wäre äquivalent zu den gesamten Reisekosten. Mit der Busreise über Nacht ersparen wir uns gleich zwei Übernachtungen. Um es vorweg zu nehmen: wir belassen es bei dieser einmaligen Erfahrung eines Mammut-Greyhounding.

Da dieser Winter schon sehr früh sehr kalt ist, freuen wir uns auf einen warmen Bus. Behaglich brummelt der lange und geräumige Greyhound am Terminal, vor dem sich die Schlange der Wartenden diszipliniert aufreiht. Doch die erste Enttäuschung lässt nicht lange auf sich warten, denn die Heizung ist außer Betrieb. Eingemummelt in Decken versuchen wir also eine bequeme Position zu finden, um im noch schnell aus der Bibliothek ausgeliehenen Reiseführer zu stöbern. Das Internet an Bord funktioniert denn auch erst ab der amerikanischen Seite.

Der kleine Grenzverkehr dauert über eine Stunde. Die Genossen Grenzer veräußerlichen sämtliche Vorurteile, die man gegenüber amerikanischen Grenzbehörden vorzubringen hat: stählerne Gesichter schleudern geballte Unfreundlichkeit in den jungen Tag. Bei so viel Autoritätsfetisch hat man eigentlich jetzt schon keine Lust mehr auf dieses Land. Fairerweise muss ich hinzufügen, dass die Erfahrungen mit Grenzbeamten vom Übergang abhängen. Detroit scheint dabei das Sibirien der Versetzungsorte zu sein, oder aber das entlassene Bandproletariat von GM hat eine einwöchige Umschulung zum Grenzsoldaten absolviert. Wie auch immer, die Grenzen hier sind nicht empfehlenswert. Endlich im Land der Freiheit geht’s in der unbeheizten Blechbüchse weiter durch Detroit. Mächtig ragen die Bürokomplexe der führenden Automobilkonzerne in den Nachthimmel. Am Busterminal gibt es einen Fahrerwechsel, also raus aus dem Bus. Das Terminal bietet außer Junkfood Automaten keinerlei interessante Optionen zum Zeitvertreib. So freuen wir uns nach einigen Minuten wieder im Bus zu sitzen und kuscheln uns für etwas Wärme aneinander. Und nach kurzer Zeit finden wir tatsächlich etwas Schlaf.

Das kontinuierliche Quietschen des Scheibenwischers weckt uns zunächst sanft, doch der Schmerz in den Gliedern durch unbequeme Schlafstellungen tut sein Übriges. Mitten im Schneegestöber kriecht der Bus die vierspurige Einfahrt nach Chicago entlang. Riesige, hohe beleuchtete und bunt blinkende Werbetafeln säumen die noch bewaldete Böschung des Highways. Chicago erreichen wir mit einer Stunde Verspätung. Kurze Erfrischung im Terminal und schon starten wir 7am mit einem Marsch durch das Univiertel zur berühmten Bibliothek, um dann im alten Buchdruckerviertel ein erstes Café zum Aufwärmen zu finden. Dann gehen wir in Richtung Lakeshore und wandeln durch die

Häuserschluchten der historischen Wolkenkratzer. Lange, hohe Fenster, verziert mit Säulen, Ornamenten und allerlei Spielerei abgekuckt aus mehreren Epochen. Sie erinnern uns sehr an New York und gerade im Schneegestöber mit weihnachtlichen Verzierungen und Beleuchtungen verzaubert dieses Ambiente sehr.

Im berühmten Macys Kaufhaus wärmen wir uns zum zweiten Mal auf und decken uns mit der hier gefertigten und so berühmten Mint-Schokolade ein. Und auch hier in Chicago werden zu Weihnachten die typischen Verzierungen der Schaufenster vorgenommen. Kleine Szenarien aus Märchen, Sagen oder einfach nur weihnachtlichen Landschaften aufgebaut. Hingerissen vom Weihnachtszauber sowie den architektonischen Meisterwerken seiner Zeit mit der stählernen Metro, die oberhalb der Straßenebene ihren Weg durch die Schluchten findet, wandeln wir zu den im Reiseführer ausgewiesenen Highlights. Wir betreten berühmte Gebäude mit ihren außergewöhnlichen Lobbys. Teils Marmor, teils Holz, reich verziert, Stuckornamente, Glaskuppeln und nicht zuletzt die Fahrstuhltüren aus Messing, ebenfalls mit Jugendstil-Ornamenten verziert. Da lebt das Chicago der 20er und 30er Jahre auf.

Des Weiteren besuchen wir das Kunst Museum, die Chicago National Art Gallery, und konzentrieren uns hier auf die Sammlung weltweiter Impressionisten. Lang dieser Kunstgattung entbehrt, balsamiert diese Sammlung unsere Seele, auch wenn die Sehnsucht nach Kunst und Kultur erst in diesen Momenten des Konfrontiert Werdens zum Vorschein kommt. Auf der Golden Mile, der berühmtesten Einkaufsstraße Chicagos sehen wir uns weitere Gebäude an, vermeiden strickt den Weihnachtstrubel und widmen uns ganz dem Gesamteindruck. Gestärkt wird sich in einem Diner – viel zu fettig und viel zu frittiert. Erwähnenswert ist weiterhin das Straßen- und Verkehrssystem, das sich in der Innenstadt auf 3 Ebenen erstreckt. Man spaziert meist auf der obersten Ebene und realisiert erst durch die Brücken, dass unter den Fußwegen nicht die Kanalisation, sondern ein weiteres System aus Straßen besteht. Überirdisch und auf jugendstil-geformten Säulen getragen, schlängeln sich die Schienen der Metro. Dann entdeckt man aber noch eine Ebene, ganz weit unten. Diese ist für Post- Lieferdienste und Rettungswagen reserviert – auch Reisebusse können hier die Staus umgehen. Ein ausgeklügeltes System, doch vermeidet es kaum die Staus der Neuzeit.

Des Abends genießen wir lokales Bier in ordentlich gefüllten Tavernen und geben uns ganz dem Chicagoer Nachtleben hin. Bevor wir zum Terminal aufbrechen gedenken wir in unserer letzten Station den Opfern der Arbeiterbewegung am Haymarket-Denkmal, in dessen Nähe diese ihren tragischen aber symbolischen Anfang fand, die zur Einführung des 1.Mai als Arbeiterkampftag führte. Müde und abgekämpft erreichen auch wir das Busterminal und schlafen im Bus sehr schnell ein. Die Rückfahrt verzögert sich in Detroit, wo wir mehrere Stunden auf unseren Bus warten müssen. Das Terminal ist unbeheizt und unbequem und verschlimmert nur die Müdigkeit und Gliederschmerzen. Durch mehrere Staus erreichen wir Toronto mit fünf Stunden Verspätung und landen zu Hause durchgefroren und erschöpft. Wir haben viel gesehen, aber diese Art der Reise ist im wahrsten Sinne billig.

Erkenntnis des Monats: Der Zauber des Reiseziels darf nicht durch die Strapazen der Reiseorganisation überschattet werden.

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Oktober 2013 – Last Canoe Standing

Pünktlich zum Ende des Indian Summers beschert uns das Wetter noch einmal strahlenden Sonnenschein und einen wolkenlosen tiefblauen Himmel. Also fünf Stunden in Kauf genommen und ab in den Norden zum bekannten Algonquin-Park, um die letzte Kanutour in diesem Jahr zu begehen.

Zwar nur als Tagestour, dafür aber im echten Back Country, nicht mit dem Fahrzeug erreichbar. Ein Schnellboot setzt nach ca. einer halben Stunde Fahrt die Verrückten samt Kanu aus und verabredet dann einen Treffpunkt. Mit auf dem Schnellboot sind zwei weitere Kanus und Pärchen, die allerdings an anderen Punkten des riesigen Sees ausgesetzt werden und über mehrere Tage bleiben. An einem steinigen Ufer werden wir und unser Boot abgeladen und noch einmal die Wichtigkeit der des Treffpunktes betont, da man ansonsten in der Natur hier verloren ist.

Mit dem Verschwinden des Motorbootes fallen der See und unser Seitenarm in gnadenlose Stille. Squirrels und Wasservögel beherrschen die Szene im Einklang mit der leichten Brise und dem wolkenlosen Himmel. Um in unseren Creek zu gelangen, müssen wir einen Biber Bau überqueren. Eine Portage erleichtert die Überquerung und sobald geht es durch verschlungene Wälder zu einer breiten Lichtung. Von hier aus schlängelt sich der Creek durch Schilflandschaften entlang der Wälder. Unsere Erwartung, wenigstens ein Moose zu sehen, wurde leider auch hier enttäuscht. Dafür sehen wir aber unzählige Biberbaus sowie ab und zu die dazu gehörigen großen Nager durchs Wasser flitzen. So geht es in der Nachmittagssonne den Creek entlang bis dieser verstrandet und wir uns nicht mehr durch das Schilf kämpfen können. Zudem naht der Zeitpunkt unseres Treffens mit dem Mutterschiff, also kehren wir um. Auf dem Rückweg haben wir mit etwas mehr Anstrengung zu kämpfen, denn wir haben natürlich Gegenwind. Nichtsdestotrotz schaffen wir es und kehren müde aber entspannt zurück.

Diese Möglichkeit, dem Gewusel der Großstadt in knapp 5 Stunden entgangen zu sein und in der Wildnis dem wahren Wesen des Lebens wieder entgegensehen zu können, gibt einem die Kraft zurück, die man braucht, um in diesem unglaublich absurden Alltag zu bestehen. Der Gegensatz das industrialisierte Leben und die völlige Natur so nah beieinander zu haben, erscheint uns immer noch unglaubwürdig.

Erkenntnis des Monats: Es gilt, ersterem immer mehr zu entfliehen und letzteres mehr zu entdecken. Hier gehts zu den Bildern