Kategorie-Archiv: Moving to Canada

Dezember 2014 – Weihnachten

Und mal wieder steht Weihnachten vor der Tür. Wo ist nur das Jahr geglieben? In diesem Jahr zehren wir zum Glück immer noch von den tollen Erlebnissen unserer ausgiebigen Urlaube. Dem Indian Summer folgt dann aber ziemlich schnell der Blätterfall. Die Temperaturen fallen zum Mitte November unter die Frostgrenze und nun bewegen wir uns bei -5 bis -10 Grad Celsius. Die Winterbereifung konnte ich aufgrund von geschäftlichen Ereignissen noch nicht anbringen lassen. Auch die Kollegen stehen diesem Thema eher gelassen gegenüber, sogar mit nigelneuen Fahrzeugen: „Ach, erstmal gucken, wie er sich im Schnee verhält, dann können wir immer noch sehen, ob Winterreifen notwendig sind.“ Auch ein Ansatz. So ist es auch kein Wunder, daß der Verkehr bei den ersten Schneeflocken immer wieder überraschend zusammenbricht. Das Eintreffen dieses Ereignisses verlängerte meinen Pendlerweg auf drei Stunden statt 40 Minuten. Zu den 97% sommerbereiften Fahrern, zu denen ich jetzt ja unglücklicherweise auch gehöre, kommen noch die Übervorsichtigen hinzu, die mit Warnblinkleuchte und Tempo 20 gleich zwei Spuren des Highways blockieren. Selbst die Räumfahrzeuge werden dadurch behindert. Von links und rechts scheren dann die Fahrzeuge in den dem Wetter angepaßten Sicherheitsabstand und verlängern die Blechlawine zwischen Standort und Zuhause. Diese Situationen sind auch immer ein guter Anlaß für autogenes Training: man will nach Hause, es ist dunkel und lediglich der andauernde Schneefall vermischt mit eisigen Wind hindert an einen Amoklauf. Ein gutes Hörspiel kann neben der tiefen Atmung ebenfalls Leben retten. Wenn auch das der anderen. Auch sorgt der Schnee für eine mentale Beruhigung der immer hektischen Großstadt. Über die alten Townhouses und die sonst zugemüllten Vorgärten legt sich eine einheitliche weiße Decke und mahnt zur Ruhe. Das ist auch wieder die Zeit, Kerzen, Batterien und Notversorgung aufzufüllen, denn auch diesen Winter werden wir mit Stromausfall rechnen müssen.

Erkenntnis des Monats: be prepared!

November 2014 – Im Zoo

Den Sommer haben wir weitere Besuche in unserem Lieblingsziel, dem Toronto Zoo, leider nicht abhalten können. Aber pünktlich mit Einsetzen des Winters finden wir endlich wieder Zeit, uns den frierenden Tieren zu widem, und den unglaublich weitläufigen Zoo zu besuchen.

Der neue Bereich „Eurasien“, an dem fleissig seit Jahren gebastelt wird, versprach im Sommer seine Toren zu öffnen. Wir sind gespannt auf die Przewalski Pferde, die allein schon aufgrund ihres Namens zu meinen Favoriten wurden. Per Bahn konnte man diese schon sehen, aber jetzt führen Wege durch die mongolische Steppe. Doch groß war die Enttäuschung, als Bauzäune die Wege versperrten. Darüber hinaus war auch das neue Giraffenhaus nicht zugänglich und zahlreiche weitere Attraktionen hatten einfach geschlossen. Gut, dass wir eine Mitgliedschaft haben, denn für die verbleibenden Attraktionen einen Eintritt von 23 Dollar hinzulegen, ist doch etwas heftig.

Nun blieben uns noch ein paar Pavilions – und wir entschieden uns diejenigen zu besuchen, die wir lange nicht besucht hatten. Das waren jeweils der himalayanesische und zentralafrikanische. Und so besuchten wir also Schimpansen und Orang-Utans. Zu letzteren Planeten-Mitbewohnern konnten wir auf den zahlreichen Schautafeln und Dioramen wieder etwas Neues lernen. Der Zoo kommt hier sehr gut seinem Bildungsauftrag nach. Zudem haben wir noch mit einer Pflegerin die Situation der vom Aussterben bedrohten Tieren diskutiert. Dabei haben wir aus erster noch einmal den Einfluß unserer eigenen Lebensgewohnheiten auf die verbleibende Zeit der Tiere auf dieser Welt. Das in so gut wie jedem verarbeitetem Nahrungsmittel enthaltene Palmöl ist natürlich der Grund für den Raub des Lebensraums der bedrohten Tiere. Uns war die unglaublich weite Verbreitung des Palmöls nicht bewusst. Und eben auch in den Regenwaldgebiete Afrikas werden Flächen an Lebensraum systematisch verbrannt, um sie als Anbaugebiet zu nutzen. Hochrechnungen zeigen, dass der Orang-Utan innerhalb der nächsten zehn Jahre ausgestorben sein wird. Dasist quasi irreversibel.

Daß die Welt schlecht ist, ist ja nichts Neues. Daß innerhalb der nächsten 30 Jahre ca. die Hälfte aller heute existierenden Tierarten eingegangen sein wird, ist auch bekannt. Aber hinter den Zahlen wieder reelle Tiere zu sehen, die es in einem Zeitraum von gerade mal zehn weiteren Steuererklärungen die einzig Überlebenden ihrer Art sein werden, ist schon ein heftiger Brocken, der sehr sehr bewegt.

Erkenntnis des Monats: Nutella ist bis auf Weiteres gestrichen. Wissen kann pessimistisch machen, dennoch ist es kein Fluch, sondern sehr wichtig, diese Dinge zu wissen, zu verbreiten und zumindest für sich die Konsequenzen zu ziehen. Danke, Toronto Zoo. Hier geht’s zu Bildern

Oktober 2014 – Indian Summer

Fast nahtlos geht der Sommer in den Herbst über. Im September versuchen wir dieses Mal, die zwei Wochen des Indian Summer nicht nur in der Umgebung, sondern im Herzen Kanadas zu erleben. Dazu mussten wir frühzeitig eine Reise im Agawa Train buchen. In Sault St. Marie, einer Stadt im Westen Ontarios, fährt ein historischer Zug eine Strecke in den Agawa Canyon. Unberührte Natur, die einen idyllischen Verbund aus Berg- und Seenlandschaft bietet. Nur eine Zug Linie geht durch dieses Gebiet: eben der Agawa Train.

Die Porter Airlines bringt uns vom Stadtflughafen der Insel direkt zu dem Busch-Flughafen in Sault St. Marie, wo man das einzig verfügbare, teure Taxi in die Stadt zur gebuchten Unterbringung nehmen muss. Ein kleines idyllisches Städtchen inmitten der Natur hatte ich mir anders vorgestellt. Die Stadtgrenzen starten mit einem Gewerbezentrum mit typisch breiten Straßen ohne Bürgersteige gesäumt mit Einzelhandel-Autodealern und Restaurantketten und ab und zu Hotels. Wow. Am nächsten Tag benötigen wir wieder ein Taxi, das uns zum Zug bringt. Das Biljet wird gelöst und wir werden zu einem Gleis mitten in der Landschaft geführt, wobei man den entsprechend gebuchten Wagen erwischen muss. Mengen stehen am Gleis, nummerierte Sitzplätze gibt es nicht, ich ahne furchtbare Szenen. Der Zug fährt, von drei Dieselloks gezogen, ein. Als erstes springen wir in unser Abteil und sichern uns die besten Plätze. Die Wagen sind sehr geräumig, breiter als das europäische Maß, sehr hoch, holzverkleidet edel, auch der Teppich sorgt für etwas Ambiente. Lediglich die Klimaanlage könnte nerven. Bildschirme zeigen den Blick aus der Lok heraus. Große Panoramafenster lassen eine interessante Tagesreise erahnen. Bald kommen auch schon die ersten Ansagen und historische Ereignisse werden multimedial dargestellt. Hier erfahren wir erst die Bedeutung der Stadt als Stahlindustrie. Eisenerz aus den Bergen wurde hier zum beliebten Rohstoff verarbeitet. Und so geht die Reise auch erst mal an Landschaften vorbei, die an Eisenhüttenstadt erinnern. Als dann endlich der Wald anfängt, bemerken wir die Reife der Zeit: der Ahorn ist perfekt gefärbt. Fast kitschig schiebt sich der Indian Summer an uns vorbei. Und so schlängelt sich der Zug durch idyllische Täler über baumeisterliche Brücken aus Stahlkonstruktionen. Vorbei an einsamen Seen mit vereinzelten Hütten bis hin in das Herz des Agawa Canyon. Der Zug kommt zum Stehen, und wir dürfen den Canyon in 90 Minuten erkunden. Es gibt einen wunderschönen Aussichtspunkt mit Blick über den Canyon, weiterhin gibt es zwei Wasserfälle. Dieses Naturschauspiel ist uns schon aus vergangenen Trips durch Kanada bekannt. Und so genießen wir auf einer Bank am Fluss das Panorama des Canyons mit seiner Laubfärbung. Auf der Rückfahrt fällt die Klimaanlage natürlich aus, weshalb wir mit Trinkwasser versorgt werden. Dennoch kann so ein Wagen ganz schön warm werden. Ein Braunbär springt über die Gleise – alles zu sehen auf dem Monitor, der die Zug-Frontkamera abbildet. Zurück im Ort wollen wir uns noch denselben ansehen, entscheiden uns aber für ein Dinner in der Nähe des Hotels. Leider ist die Taxiversorgung unter aller Sau ist und wir verpassen auch den Bus. Und so ruft uns ein Angestellter des Busunternehmens ein Taxi, was dann aber auch nicht kommt. Deshalb bringt er uns zum Restaurant: gutmütiger Service. Der nächste Tag in der Stadt führt uns zum Busch-Flugzeug-Museum. Wohlgemerkt das größte seiner Art in Nordamerika. Hier lernt man auf eindrucksvolle Weise die Arbeit der Buschpiloten kennen, die hauptsächlich Waldbrände bekämpfen. Die Flugzeuge wurden in Manufakturen in und um Toronto gefertigt. Zeugnisse der frühen Aviatik stehen in einem großen Hangar zur Besichtigung. So sehen wir die in Toronto gefertigte Beaver, oder auch die Havelland – perfektionierte, wendige Flieger für den Einsatz in der Wildnis. Auch die Bedeutung des Buschfunks als Kommunikation mit Morsetaste oder Sprachmodulation wird eindrucksvoll und in kleinen Szenen dargestellt. Am Ufer des Verbindungskanals zwischen Oberen See und dem anderen, wandern wir entlang bis zur historischen Schleuse, die in ihrer Funktion vom Schleusenwärter auch gerade bedient wird. Weiter oben sitzt eines der letzten Zeugnisse der Ingenieurskunst. Eine Notbrücke, die es schafft, den Kanal aufzustauen und die Schleuse trocken zu legen. Bei Beschädigung der Schleuse verhindert man so das komplette ablaufen des Oberen Sees. Und tatsächlich führte eine Schiffshavarie zur Beschädigung der Schleusentore, so dass die Notbrücke die Situation gerettet hat.

Zum Schluss der reise bleibt zu sagen, dass das Städtchen tatsächlich seine Highlights zu bieten hat. Für den ökonomischen und auch ingenieurtechnischen Hintergrund der Region. Wir haben auf alle Fälle einen wunderschönen Indian Summer in Kanada erlebt.

Erkenntnis des Monats: gerade in Gebieten der unberührten Natur überraschen Zeugnisse der Industrialisierung immer wieder. Interessant aber schade. Hier geht’s zu Bildern