Auch dieses Jahr neigt sich dem Ende zu und hat viel Aufregung mit sich gebracht: das erste volle Jahr in Kanada. Der Dezember selbst wird – wie meist ein Jahresende – weitaus hektischer als die vorigen Monate. Nichtsdestotrotz erhaelt Weihnachtsstimmung Einzug. Auch wenn Weihnachtstimmung bei uns durch mitgebrachte Raeucherkerzen sowie Weihnachtsstraussanhaenger aus erzgebirgischem Traditions-Kunsthandwerk auf dem viktorianischen Kaminsims aufgereiht durchaus importiert ist, und die in den Vorgaerten der Nachbarn installierten Flutlichtanlagen sowie die riesigen aufblasbaren Christspielteilnehmer mehr Unbehagen als friedliche Stimmung verbreiten, so beginnt doch der Gedanke an Weihnachten in diesem Jahr viel eher als in den Vorjahren. Und das hat dieses Mal nichts mit dem Lebkuchenverkauf im August zu tun, sie ist einfach da. Die Stimmung.
Und trotzdem: der Dezember beginnt mit einem Tiefschlag. Die 10 Grad Plus und der Regen erinnern eher an den Fruehling, dennoch entschliesse ich mich doch mal die Winterreifen umziehen zu lassen. Beim dazu gehoerigen regulaeren Service bleibe ich dann auf einer ziemlich grossen Rechnung sitzen. Die Qualitaet der nordamerikanischen Gefaehrte enttaeuscht mich masslos. Dass die Strassen hier einen hoeren Verschleiss beguenstigen und zudem noch das aggressive Salz die zumeist unverzinkten Bauteile in wenigen Jahren in Luft aufloest, sind alles Tatsachen, mit denen man sich vorher nie auseinandergesetzt hatte. So dass man hier als Vielfahrer anderen davon abraten kann, Gebrauchtwagen mit mehr als 100.000 km als Schnaeppchen zu kaufen. Die Wartung in den Folgejahren ist enorm, da faehrt man mit Jahreswagen oder oeffentlichen Verkehsmitteln besser. Genau wie in grossen Autostaedten Deutschlands wurde auch in Nordamerika das oeffentliche Verkehrsnetz systematisch verweigert oder gar abgebaut, um den Kauf des eigenen Schrotts alternativlos zu machen. Bildet die umweltfreundliche Alternative zwar einen finanziellen Vorteil zum aktuellen Schnitt des kraenkelnden mobilen Untersatzes, so allerdings bei nahezu vier bis fuenffachem Zeitaufwand. Das gilt es alles zu bedenken.
Das Geruecht, in Amerika billig Auto fahren zu koennen, erschliesst sich mir nicht. Auch wenn die Oel- und Spritpreise zu ungunsten mexikanischer Bohrinseln preiswert ausfallen. Mit neuen Achsenschaeften und Manchettengedoens sowie den Winterreifen hoffe ich nun, von den hohen monatlichen Kosten durch lange Lebensweise herunterzukommen.
Also lasse ich das Auto gleich stehen, und wir treten einen Trip nach New York an. Es ist schon eher komisch, von einer Grossstadt in die andere zu fahren. Nach einem Jahr voller Naturabenteuer, muessen wir die Stadt der Staedte aber einfach erkunden. Um weitere Mobilitaetskosten zu sparen, verzichte ich auf den Flieger und wir probieren einen dieser Ueberlandbusse aus. Road-Trip-Romantik, die schon nach elf Stunden in New York endet. Mega, so heisst das Unternehmen, dessen Doppeldecker unser temporaeres Hotelzimmer wird.
Der Doppelstockriese macht einen obligatirischen Halt an der Grenze, wo das einzelne Gepaeckstueck natuerlich nochmal durchleuchtet wird, allerdings geht diese Prozedur schneller von Statten als die Guantanamo-Erfahrungen am Flughafen. Insgesamt muss man auch sagen, bin ich schon schlechter geflogen als mit diesem Bus gefahren. Ein ausdauernder Schlaf will sich nicht einstellen, da jede Position und Stellung bekanntlich nach zwei Stunden zu schmerzen beginnt – in dieser Hinsicht unterscheiden sich billiger Sex und hemmungslose Busreise nicht im Geringsten.
Gegen sieben Uhr morgens erreichen wir New York, das in Wolken liegt und an einem Samstag gerade den Anschein macht, zu erwachen. Mitten Downtown brechen wir auf zu unseren ersten Erkundungen. Genau wie zahlreiche Cops des NYPD auf ihrem Weg zur Arbeit mit Lunch Box und New York Times ihren Streifenwagen im Labyrinth rechtwinkliger Strassenzuege. Das NYPD hat hier nicht nur Streifenwagen, sondern auch eine art Isetta: dreiraedrige Elektrofahrzeuge, die eher laecherlich anmuten, vermutlich aber ein effektives Fortbewegungsmittel in einem vorweihnachtlichen Grossstadt-Gewimmel sind.
Ein wenig veraengstigt ob der Massen, die uns heute begegnen werden, setzten wir unseren Weg in Richtung des Central Parks fort. Was uns an den Schaufenstern der teuren und bekannten Boutiquen vorbeispuelt. Die Schaufenster sind hier eine Art Kunststuecke, jedes erzaehlt eine Geschichte, ist anders gestaltet und hat durchaus das Potential, in einem Museum dargestellt zu werden. Nach ueber einer Stunde kommen wir endlich am Central Park an. Und auch schon morgens ist die Eislaufarena voll mit Kindern und Familien. Dabei drehen die Maedchen mutig Pirouetten waehrend die Jungs sich nebenan bei Eishockey kloppen. Das Ganze inmitten eines grossen Waldes gelegen umspannt von einer Silhouette aus Wolkenkratzern, deren Spitzen in weich schummrigen Wolken liegen. Eine beeindruckende Atmosphaere.
Im Central Park finden wir die ausgewiesenen Sehenswuerdigkeiten, wobei die High Spots schon Touristentrauben bilden, waehrend der Park selbst doch eher ruhig und verlassen wirkt. Zahlreiche Jogger begegnen uns. Fuer sie gibt es extra lanes, gleich neben der Radfahrspur. In einem kleinen Cafe mitten im Central Park ruhen wir uns das erste Mal bei einem nicht mal ganz so teuren Fair Trade Kaffee aus und waermen uns die Glieder. Es ist ziemlich kalt, aber es ist ja auch Dezember. Bei der Kaelte auch noch die Taschen mitzuschleppen, wird auf die Dauer anstrengend, und so beschliessen wir, ins Hotel zu gehen und die Taschen dort zu lagern. Seit den Anti-Terror-Gesetzen nehmen kaum noch oeffentliche oder private Stellen Taschen zur temporaeren Lagerung entgegen. Danke, Bin Laden.
Wir stapfen noch etwas im Park herum und finden die ausgezeichneten Museen. Passieren sie aber auch ob des so loeblichen Sonnenscheins und der viel zu interessanten Dinge, die allein auf den Strassen von Mal sehen, welches Wort in diesem Stueck das Rennen macht: Weihnachten oder New York… die Leserschaft kann gern noch Wetten abgeben.
In einem sehr niedlichen Eckcafe in einem Viertel, in dem mehr Frauen Pelze tragen als ich Waschbaeren in Toronto gesehen habe, nehmen wir eine kleine Staerkung zu uns: Klassischen Burger und Omelette. Das ist die Grossstadt.Grosszuegiges Trinkgeld vorenthaltend durchqueren wir dann gleich noch einmal den park, um nach Harlem zu gelangen. Dazu betreten wir erstmalig die einzigartige Subway, die uns in Steam-Punk Manier kraechzend nach Harlem geleitet. Dieser aeltere Stadtteil mit buergerlichen Townhouses uebersehen, die denen zu Montreal aehneln: eine grosse Freitreppe fuehrt zum Mainfloor, der sich ein halbes Stockwerk ueber dem Boden befindet. Dort spielt sich das gesellschaftliche Leben ab, auf den oberen Etagen befinden sich die Wohnraeume, und im Basement sind die Behausungen fuer das Personal untergebracht.
Unser Bed’n'Breakfast ist schnell gefunden. Leider ist die Gastmutter nicht zu erreichen, und wir muessen eine dreiviertel Stunde warten. Ausruhen tut auch mal gut, und so nehmen wir das viktorianische Haus etwas genauer inAugenschein: wunderschoene Holzgegenstaende afrikanischer Themen fallen uns ins Auge, die zu der noch altertuemlich renovierten Wohnung gut passen. Zudem knarkst und knastert es ueberall. Herrlich. Soweit Harlem.
Auf geraeuschintensivenTreppenstufen kommen wir dann in den obersten Stock des sehr eng gestalteten Stadthauses, dessenEigenheiten mit seinen 120 Jahren nicht ernsthaft ueberraschen. Schraenke, die sich nicht schliessen lassen, Fenster, die sich schwer oeffnen lassen und am Bett angebrachte Gargoyles auf Schienenbeinhoehe, die regelmaessig und zuerst circa zweimal meine Begleitung und fuenfmal mich, natuerlich immer an der gleichen Stelle peinigen. Hoellische Schmerzen, und hoehnisch grinsenden Fratzen.
Wir fahren alsbald weiter mit der U-Bahn in die Stadt, um bei einkehrender Dunkelheit in das Vergnuegungs – und Abendleben einzutauchen. Zuerst besichtigen wir die Central Station, oder einfach den Busbahnhof. Dieser ist unbeschreiblich schoen, hier sagen Bilder mehr als tausend Worte. Weiter gehts zum TimesSquare, wo wir endlich mal auf touristische Massen treffen. Der Times Square, oder besser gesagt: das Times Square Gelaende erleuchtet dieUmgebung taghell. Gerade zur Weihnachtszeit werben viele Spielzeug- und vor allem Spielkonsolenhersteller auf diesem Gelaende mit verschiedenen Angeboten, was gerade unsere unbeherrschte Jugend aus aller Welt anzieht. Unbeeindruckt antikapitalistischer Propaganda suchen wir uns einen Irish Pub, um bei einem Bier mal wieder richtig schoen zu entspannen. Dann hatte ich die weitere Ueberraschung vorbereitet und wir schnuppern ein wenig bourgouise Luft in einem Gershwin Musical der 20er Jahre. Das Imperial Theatre bringt hier Glanz und Glamourdes Broadway in den goldenen Zwanzigern. Und betaeubt vom Reichtum, wanken wir erneut in den proletarischen Irish Pub um bei Cocktail und Draught uns noch einmal fuer den Heimweg zu staerken. Ziemlich muede wanken wir wenig spaeter durch die Innenstadt, um an eigener Haut zu erfahren, dass diese Stadt niemals schlaeft. Quintessence bleibt allerdings: diese Stadt ist viel organisierter und ruhiger als Toronto: organisierter hinsichtlich derVerkehrsstruktur, vermutlich durch das Einbahnstrassensystem und tatsaechlich auch Leitkonzepte erleben wir eher selten einen kollaps des Verkehrsflusses. Auch die weit gefaechertenU-Bahn-Linien tragen dazu bei. Hinsichtlich der Ruhe haben wir heute vielleicht dreimal Sirenen der oertlichen Feuerwehr gehoert. In Toronto ist staendig irgendeine Feuerwehr im Einsatz. Natuerlich auch nur Feuerwehren, weil sie als einzige ans Notrufsystem angeschlossen und damit Ersthelfer vor Ort sind. Das ist hier in den Staaten vermutlich nicht anders ist, daFeuerwehrmaenner ja nicht erst seit 9/11 heroisiert worden sind.
Zurueck in unserer Bude schlafen wir ziemlich schnell ein und geniessen bei unserer Herbergsmutter am naechsten Tag ein ausserordentlich umfangreiches Fruehstueck. Dadurch gestaerkt ziehen wir zunaechst an die Brooklyn Bridge um im Fruehnebel einen Eindruck der Stadt-Silhouette zu bekommen. Dann durch downtown Manhatten weiter geprescht, fallen uns die historischen Wolkenkratzer auf, die durch ihre schnoerkelige und aufwendig gestaltete, facettenreiche Fassade sehr ansehnlich ist. Zudem machen wir noch einen Abstecher auf die Wallstreet. Doppelt gesicherte Strassenblockaden mit Betonwippen und permanenten Wachposten geben einem einen Eindruck, wie dieses System zunehmend nervoeser wird hinsichtlich seiner Kritiker. Ein Missgeschick meinerseits kann das nochmal verdeutlichen: Durch unachtsames Auftreten treffe ich ein herumliegendesTetrapack, welches einen lauten Knall erzeugt, der durch die Wallstreet hallt. Ich habe sofort mit einer Verhaftung gerechnet, aber die Wachmanner haben nur verdutzt geguckt, was ich fuer meine Flucht nutzen konnte. Unauffaellig das Weite suchend habe ich jede weitere Konfrontation vermieden. Sowas kann auch nur mir passieren… Dabei ist die letzte Bombe, die hier vermeintlich von einem Anarchisten gezuendet wurde, schon ueber hundert Jahre her. Die Jungs waren offensichtlich nicht mehr auf eine solche Aktion trainiert.
Auf der Faehre nach Staten Island kommen wir an der Statue of Liberty vorbei und gruessen die Dame von Weitem. Wieder an Land zieht es uns aufgrund regnerischen Wetters dann doch in ein Museum. Allerdings vermeiden wir die Touristen- und Finanzintensiven Kunstmuseen und waehlen dasSkyscraper-Museum aus. Dort lernen wir auf einer Sonderausstellung viel ueber New York an sich, und natuerlich ueber die Wolkenkratzer in Architektur, Soziologie und Technik.
Bevor H&M seine Ausbeutung auf Bangladeh ausweitete stellteNew York das Zentrum derTextilindustrie fuer den Export nach Europasowie spaeter die Binnennachfrage dar. Die Arbeit fand zunaechst in den Wolkenkratzern selbst, in den Wohnungen der Arbeiter statt, wo beispielsweise Arbeitsschritte wie Buegeln in den eigenen vier Waenden ausgefuehrt wurden. Als dann im Sinne der Arbeiterbewegung ein paar Rechte erkaempft wurden, oder aber verheerende Feuer und Katastrophen auf die Missstaende aufmerksam machten, entstanden hier Fabriken mit sozialen Einrichtungen in denWolkenkratzern der Stadt. Das entspricht quasi demKonzept der heute so viel gepriesenen vertikalen Fabrik. Und das inmitten Manhattans, wo ein ganzer Wohnnbereich ploetzlich der Nabel der Textilherstellung fuer den Weltmarkt wurde. Die komplette Hertsellungskette von der Idee ueber dasDesign bis hin zur notwendigen Fertigung. Und so entstand dieStangenware, zunaechst fuer den Herren, der kulturell bedingt etwas einfacher gestrickt ist. Spaeter auch fuer die Dame, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts ja ihren faishoiden Individualismus aufgeben musste. Vertieft in dieses faszinierende Wissen geht es dann weiter zu den einzelnen Wolkenkratzer. Beleuchtet werdenverschiedene Bau-Techniken, auf die ich gar nicht weiter eingehen werde, aber einige Details fand ich hierbei dann doch erwaehnenswert interessant: im Wettlauf der Staedte um den Groessten, rivalisieren New York und Chicago am meisten. In Chicagowurdenallerdings Gesetze erlassen, die in einer Hoechsthoehe dafuer sorgten, dass ein vertikales Limit erreicht wurde. Somit konnteNew York jeden Kampf gewinnen. In New York hingegen wird mittels mathematischer Berechnungen dafuer gesorgt, die Gebaeude in bestimmterHoehe nach hinten abzustufen. Quasi entgegengesetzt der Bestrebungen im Mittelalter als man die bauten nach oben breiter gestaltet, um den minimalen Grundstueckspreis fuer eine maximale Flaechennutzung zu ergaunern. In New York musssten Wolkenkratzer pyramidenfoermig aufgebaut, also in der Hoehe zurueck geschnitten werden, um einfach mehr direktes Licht auf den Strassen zu gewaehrleisten. Quellen, dass diese Gesetze aus Aegypten koperiert wurden, gibt es bislang nicht.
Wieder wurden Wissensluecken geschlossen und wir machen uns weiter auf, die letzten Sehenswuerdigweiten zu sehen. Hierbei stolpern wir ueber Ground Zero, in dessen grosser Baustelle der Freedom Tower schon wieder herausragt. Auch das Memorial wird im naechsten Jahr zu sehen sein. Aus Respekt besichtigen wir die dazugehoerige Gedenkstaette. Alsbald wird es kalt und wir holen unsere Sachen aus der Herberge ab, um nochmal einen trinken zu gehen. Also erkunden wir Harlem, die Gegend, die wir noch erkunden wollten.
Harlem unterscheidet sich nicht wirklich von Parkdale, unserer derzeitigen Torontoer Wohngegend: Hartz 4 Gettho wuerde ein Aequivalent aus Deutschland die Situation beschreiben.
In einer Eckkneipe geniessen wir noch einen karibischen Abschiedcocktail und besteigen gegen Mitternacht wieder den Bus nach Toronto.
Erkenntnis des Monats: Stadt ist da, wo Du bist. Und mindestens ein anderer.
