Archiv für den Monat: Februar 2012

Another day in paradise

Inzwischen bin ich wieder viele Male in das einst gelobte, nun eher global getadelte Land gereist. Und ausser dem aeussert lukrativen wenn auch irlaendische oder schottische Goldwasser verhoehnenden Whiskey-Schmuggel konnte ich den Staaten bislang keine Pluspunkte goennen. Die Kentucky Bourbon lassen sich allerdings im vitkorianischen Pyjama und entsprechendem Ambiente mit oder ohne Eisbaerfell trinken. Dem Stolz der Inseldestillen geschuldet, kaufe ich die Jims und Jacks auch stets mit einer abfaelligen Bemerkung wie „das ist nur fuer meinen Hustenreiz, fuer den Superbowl habe ich dann RICHTIGEN Whiskey aus Europa“, aber wie gesagt, sie lassen sich durchaus auch trinken.

Zurueck zu Amerika. Stets stelle ich mir auf den kurzen fuenf Stunden road trips die Frage, gehe ich zu voreingenommen an eine Beurteilung heran oder sehe ich nur, was ich sehen will oder was ist mein verdammtes Problem mit diesem Land? Schliesslich zeugt es nicht von menschlich solidarischem Verhalten, wenn man stets mit dem Gefuehl der Ueberlegenheit dieses Land betritt, befaehrt, befliegt, wie auch immer. Und schliesslich kenne ich mittlerweile ziemlich viele Amerikaner respektive Innen, um auch hier vertraute Menschlichkeit schon entdeckt zu haben. Bloed nur, dass diese Bekanntschaften einem das Bild von dem Amerika, das man bereits aus europaeischer Sicht im Kopf hat, insofern bestaetigen, als dass sie genau diese Punkte: Unbildung, und eigentlich Allem daraus resultierenden, hervorheben. Und schon treibt mich der Hunger in die naechste Ausfahrt und eines der naechsten Restaurants, die hier fast ausschliesslich aus Ketten bestehen. Weil ses koennen, entschliesse ich mich natuerlich fuer den Buerger, und schon wieder sehe ich das, was mich an die Klischees ueber Amis eigentlich aergert: uebergewichtige Menschen in Jogginghosen bereiten und servieren mir das Mahl. Und das ist bei Weitem kein Einzelfall mehr. Waehrend ich mir den Burger schmecken lasse, bemittleide ich auch die anderen Speisenenden, die Sport fuer eine gelungene Fernsehdarbietung halten, und denke auch an meinen ueberfaelligen workout, um nicht diesem regenerativen Zivilisationstrend zu verfallen. Was eine Ansammlung ungenutzter und zu Fett gewordener Energie. Und das ist hier durchaus keine Beleidigung eines Schmaechtigen an den Rest der Welt, sondern einfach nur eine Darstellung der erlebten Begegnungen.

Um das Ganze in seiner Konsequenz weiter zu fuehren: alles ist hier gross, so auch die Klos. Die geneigte Leserin mag sich nun abwenden, da ich Situationen beschreibe, die aus Alltaeglichkeit den Reiz nehmen. Ich sitze also auf dem Pott einer viel zu gross dimensionierten Kabine und starre auf Dinge, derer ich in einer solchen Situation nicht wahrzunehmen gedenke. Ein Spalt zwischen Tuer und Klowand. Kein Spalt, durch den man mit Anstrengung von innen heraus das Geschehen aussen beobachten koennte, nein ein Spalt, der fuer einen Ingenieur europaeischer Automobilisten atemberaubend ist. Ein Dachs koennte sich dazwischen klemmen und es bedarf eigentlich keiner Schliessung, da man von aussen locker mal sehen kann, ob und wer wie gerade in der Kabine sitzt. Zusaetzlich zur Nervositaet ob des Publikums ausserhalb kommt noch die Perfomance des Toilettenpapiers innerhalb. Auf oeffentlichen Toiletten ist es klar, dass – ich nenne sie mal – Grossrollen den wirtschaftlichen Ton angeben. Natuerlich spielt die Dicke des Papiers an sich die Rolle fuer den Erfolg des Geschaeftsinhabers. Wie dem auch sei. Kennt ihr das Gefuehl des Reissens von Papier, wenn die Traegheit der Rolle ploetzlich kraeftiger ist als die Zugfestigkeit des Papiers? Genau: Ratsch. Nach ca. Fuenf Millimetern. Und ratsch nach erneuten fuenf. Dass mit den Papierschnipseln kein Oskar in Hygiene zu holen ist, wird einem schnell klar. Und ca. 600 Ratsches und einer halben Stunde spaeter kann man dann frohgemut die Kabine freigeben…

Nunja. Mein letzter Besuch galt der Detroit Auto-Show. Von Einheimischen geleitet, sollte ich am Casino parken. Da Detroit nicht die Stadt ist, in der man verloren gehen moechte, befolge ich den Rat und begebe mich zum vereinbarten Treffpunkt. Dieser ist tatsaechlich IM Casino. Und dort stehen, wie man es aus Filmen kennt, goldschmuckbehangene Renterninnen aller Hautfarben vor einarmigen Banditen. Und jede von ihnen erinnert mich an eine der Golden Girls. Rauch inbegriffen, denn das Casino ist der einzige wirtschaftliche Ort in Detroit, wo noch geraucht werden darf. Von dort aus geht es weiter ueber die Stadtbahn zum Messegelaende. Diese erinnert mich an die simpsonsche Monorail, da sie weit ueber der Stadt in ingenieuriger Kunst durchaus verspielt spektakulaer hinweggleitet. Und so sehe ich Detroit: Wolkenkratzer aus den Dreizigern, die zum Teil leer stehen und verfallen. Wolkenkratzer aus den Siebzigern, die etwas besser dran sind, aber immer wieder Zeugnisse kapitalistisch geleugneten Wohlstands und rebellischer Subkulturen, die sich in Graffiti an den architektonischen Wundern vergingen.

Die Auto Show selbst praesentiert ein Bild amerikanischer Gelassenheit mit europaeischen Umweltsparzwang. In den gezeigten Pickup-Trucks gibt es extra Faecher fuer – leider ebenfalls praesentierten – Shotguns. Die Rahmen sind so versteift, dass Bombenkrater im Autobahntempo damit befahren werden koennen. Und dennoch zeigt jede Automarke eine elektrisch generierte Loesung fuer unsere strahlende Zukunft. Leicht bekleidete Maedels mit unzumutbaren Arbeitsbedingungen zieren das Event. Interessant ist hierbei die zurueckhaltende Show europaeischer Grossautmobilisten gegenueber den japanischen oder amerikanischen Grossmagnaten.

Nun irre ich fuer einen weiteren workshop erneut in Detroit herum und versuche, dem Klischee ueber Amerika zu entgehen. Dabei kommt mir aber ein anderer Gedanke: muss man Amerika denn wirklich so sehen? Schliesslich bin doch ab und zu gern hier, geniesse die Burger, denn das koennen se, die Kritik der Leute, die ich hier treffe und vor allem die Erfahrung, die ich sammle. So bloed ist das hier alles gar nicht, wenn man sich auf die Dinge konzentriert, die einem von diesem Land wichtig sind. Und schon komme ich wieder zum Whiskey und dass ich euch eigen tlich mal ueber die kanadische Destilleriekunst erzaehlen muss. Doch das ist ein anderes und eher kanadisches Kapitel, das demnach spaeter und aus meiner neuen Heimat geschrieben wird.

Erkenntnis des Tages: auf die Bildung kommt es an!