Archiv für den Monat: Januar 2012

These shoes are made for walking

Bislang verlaeuft der Winter harmloser als erwartet. Erst nach Weihnachten erreicht die Kaelte Toronto, die Temperaturen schwanken zwischen Null und -17 Grad Celsius und der Schnee sorgt nur kurz fuer Aufregung. Etwas noerdlich hingegen liegt die weisse Pracht ueber Feldnern, Waeldern sowie an der Lakeshore der Georgian Bay. Grund genug, einen Ausflug zu den Blue Mountains zu uebernehmen. Dieser Gebirgszug in der Naehe von Collingwood gehoert zu den beliebtesten Touristengebieten um Toronto. Vor allem dem Wintersport wird hier gefroent, was sowohl Touristenindustrie als auch -fallen auf den Plan der gemeinschaftlichen Partizipierung ruft. Nach nur drei Stunden erreichen wir die Kueste des Huron und sehen uns von Collingwood aus nach ein wenig Natur um. Mit gesundem Spott vorbei an den zahlreich ueberfuellten Skihaengen zieht es uns zu einem Sportzentrum, das Langlaufloipen sowie Schneeschuhwanderwege bietet. Und letzteres wollen, nein muessen wir ausprobieren. Also schnallen wir uns die kunstoffbespannten Aluminiumrahmen in Form eines Bigfoot-Fussabdruckes an die Stiefel und schon gehts los. Die Fortbewegung unterscheidet sich vom Gehen oder Laufen nicht grundsaetzlich, nur der Kraftaufwand im Schnee verringert sich. Schon nach dem ersten Kilometer bricht die Freude aus: was fuer ein Spass. Und so durchkreuzen wir einen der Blue Mountain Waelder und sind tatsaechlich nahezu allein. Die hoechste Haengebruecke Ontarios bietet uns einen tollen Ausblick ueber die Bucht. Um die Performance der fuer uns neu entdeckten Sportart ausgiebig zu testen, waehlen wir an einer Kreuzung den Iron Man Trail. Hier bekommen wir schnell mit, welch guten Halt die Schuhe an vereisten Haengen bieten. Ein unheimlicher Spass. Zwischen Schneefall und Sonnenschein wandern wir so knapp 4 Kilometer und geniessen die Ruhe, da wir im Iron Man Gebiet nun wirklich allein sind. Bei der hohen Beanspruchung schneidet sich allerdings die Bindung in das zaehe Leder kanadischer Springerstiefel und uebertraegt den Druck gleich schmerzhaft auf meinen Fuss. Notduerftig federe ich die Stellen mit Baumrinde ab und so stelle ich zum ersten Mal die Art der Bindung in Frage. Das sollten wir uns beim naechsten Mal oder gar dem Erwerb der Schuhe genauer ansehen, vermutlich haben die Verleiher eher die periswerteren und einfacheren Varianten. Kann man doch fuer ein Paar Schneeschuhe bis zu 600 Dollar ausgeben… Zurueck am Ausgangspunkt ruhen wir uns kurz an der Feuerstelle vor der Huette aus und geniessen den nahenden Sonnenuntergang. Das ist die erste Erfahrung mit kanadischen Wintersportmoeglichkeiten, die wohlwollend in unser Repertoire der Freizeitgestaltung aufgenommen wird.

Erkenntnis des Tages: Auf die Bindung kommt es an!

Slideshow zum Bericht auf der picture site

Ca plane pour moi

Es ist mal wieder an der Zeit, die Vorzuege dieses Landes zu erkunden und vor allem: euch darzubieten. Bei dem staendigen Gemecker ueber Dinge, die sich zu Europa unterscheiden, bekommt ihr sonst den Eindruck einer uebergeordnet negativen Bewertung des amerikanischen Kontinents. Also Sachen geschnappt und ab nach Montreal. Ein wenig Vorbereitung ist natuerlich noetig fuer den sechs-stuendigen Road-Trip. Da der Winter Einzug erhalten hat, wird der Racoon-Hunter mit allen notwendigen Massnahmen aufgeruestet, die ein zwoelfstuendiges Ueberleben auf einem zugeschneiten Highway zumindest in Aussicht stellen. Bei einer aehnlichen Situation sind tatsaechlich in unserem Gebiet einst Menschen ums Leben gekommen, da die Eingeschneiten erst nach zwei Tagen geborgen werden konnten… Die Schneeschaufel liegt eh schon im Fahrzeug und die Schokolade fuer Notfaelle wird durch vitaminreiche Nahrung ergaenzt. 36 Stunden Hoerspielmaterial sorgt fuer psychologischen Rueckhalt. Also auf in die Provinz Quebec und damit in den franzoesischen Teil Kanadas. Die Fahrt ist unspektakulaerer als ich erwartet hatte, ein endlos langer Highway schlaengelt sich flussaufwaerts an den Ufern des Lawrence Rivers. Dabei ergeben sich fantastische Perspektiven mit der sich im Strom spiegelnden Sonne. Diese Weite ist wahnsinnig unbegreiflich. Und dabei befahren wir nur einen kleinen Teil dieses Kontinents. An der Landesgrenze zu Quebec werden die Strassen etwas schlechter und die Bezeichnungen franzoesisch, was aber die einzigen Indikatoren fuer den Staatenwechsel bleiben. Bald verdichten sich wieder die Gestalten menschlicher Behausung und wir sind in Montreal.

Zwischen modernen Wolkenkratzern stechen historisch anmutende Gebauede hervor, wie ich sie zuletzt vor einem halben Jahr auf einem anderen Kontinent gesehen hatte. Es gibt hier also doch Geschichte. Eingecheckt im zentral gelegenen Hotel gehts gleich auf Stadterkundung. Als Geek wollte ich dieses Mal ganz clever sein und statt des ueblichen Reisefuehrers oder einfach einer Karte, gab es das Montreal-App fuer nur $5.99. Fuer den Kurztrip kann man sich so die zehn wichtigsten Dinge zeigen lassen und in augmented reality wird Standort und Entfernung im Display des aktuellen Kameramotives dargestellt. Wahnsinnig moderne Technik, man sieht also, was man vor der Linse hat und ein Pfeil zeigt, wo sich der naechste point of interest befindet. Hingeschwaengt und gleich erkannt oder die Entfernung abgelesen. Das Ganze klappt genau einmal, dann ist der Akku leer und meine Haende sind eingefroren. Was ich bei diesem Hightech-Wahn natuerlich nicht bedacht hatte: hier herrschen -17 Grad Celsius, was mit dem Wind einer angesagten gefuehlten Temperatur von knapp -25 Grad gleich kommt. Da ist nicht viel mit Handy im Freien. Noch dazu, wenn man die Handschuhe ausziehen muss, um auf dem Display im Takt des zitternden Koerpers rumzuhackern. Es gibt ja schon spezielle Handschuhe fuer smartphonedisplays, aber meine derzeitige Ausruestung ist wohl noch unzureichend. Zudem wollen die Elektronen in den kleinen Schaltkreischen aus den Werkstaetten Chinas bei den Temperaturen auch nicht ihre volle Geschwindigkeit entfalten. So wird also erstmal durch die Stadt getapert und das Flair genossen. Ein Faltplan aus dem Hotel hatte ich als Backup dann doch mtgenommen, und so erfahren wir, dass sich die Altstadt Montreals an den Ufern eines Arms des Lawrence Rivers ausstreckt. Alter Speicher, Notre Dame sowie Rathaus und erste buergerliche Haeuser haben schon den Charme europaischer Stadte des 17. Jahrhunderts. Kleine Gassen, die mal nicht rechteckig angelegt sind und durchaus auch Kurven aufweisen, ergaenzen dieses Bild. Die Sehenswuerdigkeiten des alten Montreals sind aber auch schnell abgehaktm, so dass wir nun die kanadische Seite der Stadt besichtigen koennen. An die Wetterbedingungen angepasst haben die Grossstadte unterirdische Systeme entwickelt, die Einwohnern und Touristen erlauben, alle wichtigen Punkte der Stadt ohne einen Kontakt zur Oberwelt zu erreichen. Eingebettet im Metrosystem gibt es also auch hier die subterrans. Wagemutig betreten wir einen der der Zugaenge und tauchen in ein geschaeftiges Tunnelsystem ein. Nur die Idee einer Richtung und der Name des Ziels reicht aber hier nicht aus, da zu jedem Tunneleingang immer nur der naechste erreichbare Abschnitt ausgeschildert ist. Irgendwann endet dann auch ein Tunnel und wir realisieren, dass es ploetzlich oben weitergeht. Und selbst dabei sind keine Grenzen gesetzt, so dass man in Roehren aus Glas und Beton ploetzlich die zu Eis erstarrte Stadt unter sich hat. Die Gaenge selbst sind karg, kalt und leer. Hier vermissen wir sogar mal Werbeplakate um nicht in die Demut trister Betonwaende, den man schon fast aus seiner Vergangenheit verdraengt hatte, zurueckzufallen. Nur im inneren Stadtkern gibt es Geschaefte, die diese unterirdische Welt beleben. Kurzum: begeistert sind wir nicht, aber wenigstens bewahrt  das Maeuselabyrinth uns einige Stunden vor der Eiszeit.

Am Abend suchen wir erneut die Altstadt auf und kehren durchgefroren in eine polnische Kneipe ein. Ein junger Student verwoehnt mit Klaengen am Klavier und warme Suppe zu kuehlem Bier in sehr gemuetlicher Atmosphaere laesst diesen Abend besonders romantisch beginnen. Erwartungsvoll suche ich fuer das Dinner einen abgelegenen Franzosen aus, in den Hinterhoefen historischer Kaibebauung. Leider bemerken wir zu spaet, dass dieses Lokal zwar seit knapp 1800 betrieben aber offensichtlich seitdem kaum Sanierungsmassnahmen genossen hat, so dass der Kamin nur unzureichend die staendig neue durch die Ritzen stroemende kalte Luft erwaermen kann. Es zieht wie Hechtsuppe. Dem chinesischen Oberkellner komme ich dann auch noch mit der Auswahl des Weines zuvor, was ihn offensichtlich irritiert. Wenigstens war der Fisch dann teuer, warm blieb er nicht lang. Aber auch das ist Montreal: unvergessliche Abenteuer europaeischen Charmes in kanadischer Kaelte.

Am naechsten Tag erkunden wir die Geschichte im historischen Museum und lernen, dass beheimatete Irokesen als einziger Indianerstamm die anlandenen Franzosen schon immer doof fanden und ihnen das auch regelmaessig deutlich machten. Erst als ein diplomatisches Siedleroberhaupt hier in Montreal Frieden mit allen bis dahin bekannten Indianerstaemmen Amerikas schloss, konnte die eigentliche Besiedlung beginnen. Und erst dann schnellte die Gendarmerie bis zur Muendung des Mississippi vor und besiedelte die bekannten Gebiete.

Wir befahren noch den Mont Royal, der einen wunderschoenen Blick ueber die Stadt und die Ufer des St. Lawrence bietet und beginnen dann den Heimweg.

Erkenntnis des Tages: Insgesamt ist Montreal allemal eine Reise wert und stillt klammheimliche Sehnsuechte nach Geschichte und europaeisch anhauchende Architektur.

Slideshow zum Bericht auf der blog picture Seite.