Last Christmas

Wenn ein Land beschliesst, aus dem Kyoto-Protokoll auszutreten, nimmt man das nur beilaeufig wahr. Soll dieses Land aber die neue Heimat sein, so ist dies genau der richtige Anlass, grund meiner Erfahrungen, dieses Land mal wieder naeher zu beleuchten. Und genau damit faengt es an: Leuchtmittel. Als alter Umweltfuchs, bevorzuge ich natuerlich die schwermetallbelasteten Energielampen anstatt energiefressende Gluehrohren zu installieren. Dachte unser Vermieter auch und hat die ca. sieben Lampen pro viktorianischen Kronleuchter schon im Voraus gestellt. Natuerlich die billige Sorte. Und so wird das sonst historisch anmutende dunkle Gemaeuer mit gleissend grellem Industrielicht geflutet. Sobald die Daemmerung einsetzt, huschen deshalb auch die Nachbarn nur mit Sonnenbrille an unseren Fenstern vorbei, um nicht zu erblinden. Das geht so natuerlich nicht. Und so wurden die Frohmut vertstreuenden warmen Lichtspender aus dem Energiesparsektor erworben. Was dabei dem Umweltfuchs auffaellt: warum sind die derzeit boesen und verschwenderischen Gluehbirnen in recycleten Pappkartons, die umweltschonenden Energiesparlampen aber in – zumindest in Kanada nicht  - recyclefaehiger Plaste-Vakuumhuelle verpackt? Natuerlich auch so, dass nur schweres Geraet die Packung oeffnen kann, und sich der Protagonist dabei noch schwere Schnittverletzungen zuzieht. Jaja, die Widersprueche des Lebens.

Trotz aller Gefahren und Widersprueche werden die warmen und sparsamen Lampen erfolgreich installiert. Zumindest fuers Gewissen, und das schlechte davon ist nicht weit verbreitet. So muss hier der Vermieter fuer den Strom zahlen, was nicht gerade zum Sparen anregt. Weshalb die kleineren Versuche der Regierung, die Umwelt zu retten, wie das kommende Gluehbirnenverbot, kaum ein generelles Energiesparbewusstsein hervorufen.

Und schon sind wir bei Weihnachten: die Jahreszeit, zu der es Flughaefen schwer haben, die Einflugschneisen auffaelliger zu gestalten als konkurierende Vorgaerten im Lichterwahn. Auch hier ist das ein oder andere Mal die Sonnenbrille zum persoenlichen Schutz notwendig. Einige Vorgaerten werden durch den entstehenden Kabelsalat zum Labyrinth fuer Besucher. Die Zeugen Jehovas beklagen auch schon vermisste Missionare. Und so erschliesst sich mir die Angewohnheit von Zeitungsjungen oder Milchmann, die Produkte einfach nur auf die Terasse zu schleudern. Schoen sind auch diese Lichterketten, die die Dimensionen des Eigenheimes betonen, weil sie akribisch genau die Regenrinne nachziehen. Ich bin mir noch nicht sicher, ob das statt Dekoration der Identifizierung als Helikopterlandeplatz zur Luftrettung im Schneechaos torontianischer Winter fungiert. Zumal herunterhaengende LEDs ja auch noch regelmaessig blinken. Mit ein wenig Phantasie glaube ich dann aber doch eher an die Lichtsimulation von Eiszapfen, die hier ja offensichtlich rar sein muessen. Was ich zum ersten Mal gesehen habe, sind christliche Weihnachtsdarstellungen als Huepfburg. Naja, zumindest als aufblasbare Version. Das Krippenspiel aus Polyvinylchlorid. Das ist echt eine herbe Enttaeuschung gegenueber den einst sorgsam geschnitzten Versionen und ein Schlag ins Gesicht thueringischer Handwerkskunst.

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Die wiederum gibt es auf dem Weihnachtsmarkt zu sehen. Ontario ist bekannt fuer seine strikten Alkoholgesetze, hier loesen sie sich etwas auf. So gibt es den Gluehwein schon fuer knapp 7 Dollar, dazu ein Plaetzchen auf ledernden Sofas am waermenden Feuer. Da kommt schon mal die Weihnachtsstimmung auf. Am Stollen-Stand trifft sich die deutsche Gemeinde und nur eine Bude weiter, verhoekern die Oranjes teuren Kaese aus Holland. Die Bratwurst probiere ich lieber nicht, um nicht gleich den naechsten Schlag nach Thueringen auszuteilen.

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Ein weit verbreiteter Brauch ist auch das oeffentliche Auftreten von Santa Claus. Wie in billigen Teeanager-Komoedien hat jeder Platz und jede Mall einen zentralen Thron aufgebaut, bestenfalls mit Rentieren und Kutsche, und eine lange Schlange aus aufgeregten Kindern und verzweifelten Muettern wartet darauf, auf dem Schoss vom Claus zu sitzen und das dabei gemachte Foto fuer fuenf Dollar zu erstehen. Und anhand der ueberfuellten Innenstadte und gerade Spielzeuglaeden erkennt man allzu leicht die hohe Konsumorientierung zu diesem Fest.

Was mit dem – bei uns so beliebten und spaetestens seit Krise gekuerztem – Weihnachtsgeld einhergeht. So bekommt man nicht etwa rein finanziellen Ausgleich fuer die ueberdurchschnittlich erbrachte Leistung des harten Arbeitsjahres. Nein, es gibt gleich Gutscheine, damit die Bosse anderer Firmen auch davon profitieren. Sei es Wal-Mart oder bestenfalls noch der nuetzliche Baumarkt. Natuerlich eine nette Geste, aber eben anders als man kennt.

Mit dem heimatlichen Christstollen, etwas kitschigem Weihnachtsschmuck, aber gemuetlichen und duftenden Tannennadeln, etwas selbst gemachten Gluehwein, dessen Grundlage der billigste italienische Fusel fuer 10 Dollar bildet, pilgern wir zum zentralen Punkt unserer viktorianischen Huette: dem Kamin. Obenauf der neufundlaendische Rum fuer haertere Zeiten und am Sims die baumelnden Socken fuer das kommende Weihnachtsfest. Es gibt hier viel, das zum europaeischen Fest fehlt, so habe ich noch kein einziges Mal Last Christmas gehoert… Es wird hier laenger und haerter gearbeitet. Aber ich habe es dieses Jahr nahezu zum ersten Mal in meinem Leben geschafft: ich bin auf Weihnachten vorbereitet und in der Stimmung! Schoenen vierten Advent da draussen!

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