Archiv für den Monat: Dezember 2011

Last Christmas

Wenn ein Land beschliesst, aus dem Kyoto-Protokoll auszutreten, nimmt man das nur beilaeufig wahr. Soll dieses Land aber die neue Heimat sein, so ist dies genau der richtige Anlass, grund meiner Erfahrungen, dieses Land mal wieder naeher zu beleuchten. Und genau damit faengt es an: Leuchtmittel. Als alter Umweltfuchs, bevorzuge ich natuerlich die schwermetallbelasteten Energielampen anstatt energiefressende Gluehrohren zu installieren. Dachte unser Vermieter auch und hat die ca. sieben Lampen pro viktorianischen Kronleuchter schon im Voraus gestellt. Natuerlich die billige Sorte. Und so wird das sonst historisch anmutende dunkle Gemaeuer mit gleissend grellem Industrielicht geflutet. Sobald die Daemmerung einsetzt, huschen deshalb auch die Nachbarn nur mit Sonnenbrille an unseren Fenstern vorbei, um nicht zu erblinden. Das geht so natuerlich nicht. Und so wurden die Frohmut vertstreuenden warmen Lichtspender aus dem Energiesparsektor erworben. Was dabei dem Umweltfuchs auffaellt: warum sind die derzeit boesen und verschwenderischen Gluehbirnen in recycleten Pappkartons, die umweltschonenden Energiesparlampen aber in – zumindest in Kanada nicht  - recyclefaehiger Plaste-Vakuumhuelle verpackt? Natuerlich auch so, dass nur schweres Geraet die Packung oeffnen kann, und sich der Protagonist dabei noch schwere Schnittverletzungen zuzieht. Jaja, die Widersprueche des Lebens.

Trotz aller Gefahren und Widersprueche werden die warmen und sparsamen Lampen erfolgreich installiert. Zumindest fuers Gewissen, und das schlechte davon ist nicht weit verbreitet. So muss hier der Vermieter fuer den Strom zahlen, was nicht gerade zum Sparen anregt. Weshalb die kleineren Versuche der Regierung, die Umwelt zu retten, wie das kommende Gluehbirnenverbot, kaum ein generelles Energiesparbewusstsein hervorufen.

Und schon sind wir bei Weihnachten: die Jahreszeit, zu der es Flughaefen schwer haben, die Einflugschneisen auffaelliger zu gestalten als konkurierende Vorgaerten im Lichterwahn. Auch hier ist das ein oder andere Mal die Sonnenbrille zum persoenlichen Schutz notwendig. Einige Vorgaerten werden durch den entstehenden Kabelsalat zum Labyrinth fuer Besucher. Die Zeugen Jehovas beklagen auch schon vermisste Missionare. Und so erschliesst sich mir die Angewohnheit von Zeitungsjungen oder Milchmann, die Produkte einfach nur auf die Terasse zu schleudern. Schoen sind auch diese Lichterketten, die die Dimensionen des Eigenheimes betonen, weil sie akribisch genau die Regenrinne nachziehen. Ich bin mir noch nicht sicher, ob das statt Dekoration der Identifizierung als Helikopterlandeplatz zur Luftrettung im Schneechaos torontianischer Winter fungiert. Zumal herunterhaengende LEDs ja auch noch regelmaessig blinken. Mit ein wenig Phantasie glaube ich dann aber doch eher an die Lichtsimulation von Eiszapfen, die hier ja offensichtlich rar sein muessen. Was ich zum ersten Mal gesehen habe, sind christliche Weihnachtsdarstellungen als Huepfburg. Naja, zumindest als aufblasbare Version. Das Krippenspiel aus Polyvinylchlorid. Das ist echt eine herbe Enttaeuschung gegenueber den einst sorgsam geschnitzten Versionen und ein Schlag ins Gesicht thueringischer Handwerkskunst.

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Die wiederum gibt es auf dem Weihnachtsmarkt zu sehen. Ontario ist bekannt fuer seine strikten Alkoholgesetze, hier loesen sie sich etwas auf. So gibt es den Gluehwein schon fuer knapp 7 Dollar, dazu ein Plaetzchen auf ledernden Sofas am waermenden Feuer. Da kommt schon mal die Weihnachtsstimmung auf. Am Stollen-Stand trifft sich die deutsche Gemeinde und nur eine Bude weiter, verhoekern die Oranjes teuren Kaese aus Holland. Die Bratwurst probiere ich lieber nicht, um nicht gleich den naechsten Schlag nach Thueringen auszuteilen.

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Ein weit verbreiteter Brauch ist auch das oeffentliche Auftreten von Santa Claus. Wie in billigen Teeanager-Komoedien hat jeder Platz und jede Mall einen zentralen Thron aufgebaut, bestenfalls mit Rentieren und Kutsche, und eine lange Schlange aus aufgeregten Kindern und verzweifelten Muettern wartet darauf, auf dem Schoss vom Claus zu sitzen und das dabei gemachte Foto fuer fuenf Dollar zu erstehen. Und anhand der ueberfuellten Innenstadte und gerade Spielzeuglaeden erkennt man allzu leicht die hohe Konsumorientierung zu diesem Fest.

Was mit dem – bei uns so beliebten und spaetestens seit Krise gekuerztem – Weihnachtsgeld einhergeht. So bekommt man nicht etwa rein finanziellen Ausgleich fuer die ueberdurchschnittlich erbrachte Leistung des harten Arbeitsjahres. Nein, es gibt gleich Gutscheine, damit die Bosse anderer Firmen auch davon profitieren. Sei es Wal-Mart oder bestenfalls noch der nuetzliche Baumarkt. Natuerlich eine nette Geste, aber eben anders als man kennt.

Mit dem heimatlichen Christstollen, etwas kitschigem Weihnachtsschmuck, aber gemuetlichen und duftenden Tannennadeln, etwas selbst gemachten Gluehwein, dessen Grundlage der billigste italienische Fusel fuer 10 Dollar bildet, pilgern wir zum zentralen Punkt unserer viktorianischen Huette: dem Kamin. Obenauf der neufundlaendische Rum fuer haertere Zeiten und am Sims die baumelnden Socken fuer das kommende Weihnachtsfest. Es gibt hier viel, das zum europaeischen Fest fehlt, so habe ich noch kein einziges Mal Last Christmas gehoert… Es wird hier laenger und haerter gearbeitet. Aber ich habe es dieses Jahr nahezu zum ersten Mal in meinem Leben geschafft: ich bin auf Weihnachten vorbereitet und in der Stimmung! Schoenen vierten Advent da draussen!

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Friday I’m in love

SUBTITLE: Auf dem Highway ist die Hoelle los

Mittlerweile tritt der Alltag in die neu gewonnene Lebenserfahrung ein. In der Woche jeden Morgen der fantastische Kampf ums Ueberleben auf den breitspurigen Highways. Erinnert mich an den alltaeglichen Krieg auf der A2, mit nur kleinen Unterschieden: erstens sind hier die Autos um einiges groesser, zweitens erkennt man die Blinkanlagen, die aus der Rueckbeleuchtung in modifizierter Frequenz aber gleicher Farbe und Leuchtintensitaet bestehen, ueberhaupt nicht. Und drittens sind die Autos hier verdammt gross. Nochmal zurueck zum Abbiegeerkennungssystem: interessant finde ich, dass, zumindest bei den Chrysler- und Dodge-Modellen, der Scheinwerfer im Taglichtmodus beim Blinken erlischt. Ueber den tieferen Sinn habe ich noch nicht nachgedacht, lediglich den Fehler in der Elektrik vergeblich gesucht. Die Blinkfrequenz ist sicherlich der Niedrigspannung einheimischer Netzversorgung angepasst – und so erscheint alles cool und relaxed. Und das ist mal ein Benefit gegenueber dem hektischen Blinken franzoesischer Kleinstvehikel. Des Weiteren telefoniert hier irgendwie jeder ohne entsprechende handsfree Installation im Wagen. Das ist sicherlich mit einer der Gruende, warum ich tatsaechlich taeglich an mindestens einem Unfall vorbeirausche. Allerdings lediglich Blechschaden, denn ich muss mal erwaehnen: die Autos sind hier verdammt gross.

Telefonieren am Steuer ist auch hier teuer und verboten. Weitaus dramatischer ist aber, dass die Versicherungspraemie direkt an die Fahrweise gekoppelt ist. So dass also auch Punkte und selbst Speeding Tickets zu einer Erhoehung des Versicherungsbeitrages fuehren. Und das nicht zu knapp. Deshalb versucht der gemeine Kanadier also so gut er kann, sich an die Regeln zu halten. Damit das auch klappt, gibt es davon nicht zu viele. So ist das Rechts-Ueberholen geradezu gewollt, geht ja auf den 16-spurigen Highways auch nicht anders. Rechts abbiegen geht immer bei rot, links nur zu bestimmten Tageszeiten, und die Gelbphasen wurden extra lang gemacht, damit auch der groesste Truck nach 1,5 Meilen Bremsweg zum Stehen kommt.

So duese ich also mit der Grossstadt im Rueckspiegel, der florierenden Wirtschaft vor der Motorhaube im hitzigen Spurwechsel ueber freie Luecken zur Arbeit. Ja, das ist schon geil. Vor allem mit den Bandit-Trucks ausserhalb der Stadt… Und selbst die Strassen weitab der Highways fuehren Spuren, die drei derselben deutscher Stadtautobahnen beinhalten. Und davon gibts dann auch noch drei. Ja, hier koennen die in Europa heiss diskutierten Supertrucks auch fahren, fuer die Autobahnen drueben sehe ich schwarz. Mit diesen Eindruecken beginnt der – wenn es gut lauft 8-, wenn es schlecht laeuft 12-Stunden-Tag. Und diesen blende ich in dieser Geschichte aus Geheimhaltungsgruenden mal aus…

Feierabend. Endlich. Hier wird der Feierabend auch seinem Namen gerecht: es ist Abend. Und deshalb umso dringender Zeit, die Arbeit hinter sich zu lassen und dem Wochenendbeginn zu froenen. Auf den breiten und unzaehligen Spuren des Highways tobt der Kampf um die wenigen Minuten, die man eher zuhause sein kann. Und das macht unglaublichen Spass. So jage ich einen Honda nach dem anderen, und dabei immer bedacht darauf, im toten Winkel der Cops zu bleiben. Auch wenn ich noch keine Erfahrung mit der highway patrol sammeln durfte, so meide ich doch lieber Begegnungen mit den lokalen Sheriffs. Ein Truck schert knapp vor mir auf meine Spur, und nimmt mir damit die Chance, den getunten Accord zu schlagen. Naja, aergere ich die Stretchlimo hinter mir und schneide ihr die Spur. Es ist eine unglaubliche Verschwendung an Bremsenergie und eine durchaus uneffiziente Fahrweise, aber beiweitem nicht so aggresiv und voellig daemlich wie manch Verhaltensweisen nordeutscher Verkehrsteilnehmer aus Staedten mit Muehlenmuseum.

Endlich zuhause. Den Hausputz schnell und musikalisch absolviert, geht es nun daran, die Vorraete zu fuellen. Schon beim Weg in den Beerstore faellt mir die ungewohnte Praesenz der Cops in meinem Viertel auf. Streifenwagen durchziehen die von Drogenabhaengigen ueberfuellten Strassen. Im Beerstore begruesst mich gleich der naechste Cop, der an diesem  Abend in schusssicherer Weste, Oberlippenbart aber freundlich dominantem Laecheln hier abgestellt wurde, um die aermsten Penner beim Umtausch ihrer Betteleinnahmen zu observieren. Und Anarchisten zu aergern. Wobei er sich eher von meinem Staatsmacht-unbeeindruckten Erscheinungsbild und dem ewigen Um-ihn-herum-springen auf der Suche nach der richtigen Biersorte gestoert fuehlt, als ich mich von ihm. Dabei wollte ich wirklich nur gutes Bier finden, was hier zwar moeglich aber schwierig ist. Henry, wie ich unseren Cop nach laengerer Studie getauft hatte, wurde zunehmends nervoes und verliess seinen Lieblingsplatz zu meinen Gunsten. Argwoehnisch fokussiert er mich nach dem Verlassen des Ladens und ich bin mir noch nicht sicher,ob ich mich freuen kann, einen Cop aus dem Konzept gebracht zu haben. Schliesslich gibt’s hier viel davon. Andererseits bin ich mir auch sicher, dass sie mit weitaus demuetigerenden Begegnungen zu tun haben, und sich um den lokalen Anarchisten eher weniger Gedanken machen. Zu kurz gedacht, haehae….

Zurueck zuhause lasse ich mich mit dem rotblondem Pils auf die persoenliche Pilgerstaette vor dem Kamin nieder. Und sogleich beginnt die Stimmung zum Wochenende und der Feierabend wird komplettiert. Prost!

Counter

Um mal ein kleines Resuemee dieses Blogs zu ziehen: DAS HIER LESEN WIRKLICH LEUTE… alternierend, aber immerhin:

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Dann werde ich wohl weitermachen muessen. Und um das Feedback im Auge zu behalten, gibts nen Counter, wie es sich fuer jede drittklassige Website gehoert. Und als Ansporn: spaetestens alle 500 Besuche gibts ne neue Geschichte und bei jedem Tausenderwechel wechselt das Design! Ranhalten:

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