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10-15-11 von admin.
Chicago. DER Schauplatz zum Beginn der Arbeiterbewegung. Ueber hundert Jahre zuvor wurden hier Anarchisten aus Deutschland verurteilt und ermordet. Ein guter Platz also, um mit temporaerem Duldungs-Visa den modernen Klassenkampf unter die Lupe zu nehmen. Als Anarchist aus Deutschland. Da in Milwaukee eh grad nichts los ist, fahre ich mit dem Zug in die Metropole am Michigansee. Hier in einen Zug zu steigen, ist fast, wie zu fliegen. Nur mit gueltigem Ticket gelangt man zum Bahnsteig. Dieser ist auch ueberdacht, trist und dunkel. Eine Betonwueste, in der die staehlernen Giganten sich wie zum Abschuss bereite Silberpfeile dem gleissenden Licht entgegenstrecken.
Die Zugfahrt fuehrt durch endlos scheinende Waelder und Heiden, herbstlich in rot und braun gefaerbt. Kleinere Siedlungen aus Holzhuetten und ab und zu eine Farm vollenden die impressionistische Idylle, gestoert vom Horn des Zugfuehrers, der an den stets unbeschrankten Bahnuebergaengen die hier kreuzenden Einsiedler warnen muss. Im Morgengrauen lande ich im Herz Chicagos und erlebe sogleich den Fluch der parallel angelegten Strassenschluchten: Wind. Sehr starker Wind blaest mir die letzte Nachttruebe aus dem erstaunten Gesicht. Mein Blick schweift die riesigen Wolkenkratzer empor, und dieser Anblick beeindruckt mich tief. Vor allem die historischen Steinstalagniten mit ihren rostigen Feuertreppen wecken mein Interesse. Und immer wieder habe ich das Bild der pausierenden Bauarbeiter auf dem Stahltraeger hoch ueber der Stadt vor Augen. Die Stadt ist noch leer und bleibt es auch waehrend der weiteren Spaziergaenge durch schattige Haeuserschluchten. Alsbald erreiche ich das Pier und im wunderschoenen Sonnenschein geniesse ich den ersten Kaffee vor der Silhouette der Stadt sowie den Anblick vorbeijoggender… aber lassen wir das.
Auf der Museumsinsel - bin wohl zu oft in Berlin gewesen - am museum square, reihen sich die Touristen schon brav in die Schlangen ein. Ob des blauen Himmels entschliesse ich mich fuer ausschliessliche Outdooraktionen und komme so zum Milleniumpark. Kunstvolle Gebilde, fuer die kaum eine Beschreibung meinerseits wuerdig sind, saeumen den Park. Und auch wird langsam voller. Weiter gehts an historischen Hauserschluchten vorbei zum Navy Pier, das eher eine Vergnuegungsmeile ist.
Vergnuegt schlendere ich also weiter und erreiche das Finanzviertel. An einer Kreuzung saeumen froehliche Protestler den Strassenrand. Mit selbstgemalten Schildern verurteilen sie das Steuersystem, den Kapitalismus oder gleich Amerika. Von Trommelkonzerten begleitet, applaudiert die Bewegung jedem vorbei kommenden hupenden Fahrzeug. Dabei wird nicht nach schwarz oder weiss, Hippibulli oder Bugatti unterschieden. Erneut bin ich beeindruckt. Junge Sozialisten wie auch alte Kommunisten verteilen ihre Schriften und an einem benachbarten Denkmal laedt man zur Diskussion, die mit dem Einfuehrungsvortrag “Marx was right” beginnt. Anmerkung fuer dien anglogermanischen Laien: das bedeutet „Marx hatte Recht“ und nicht „Marx war ein Nazi“. Mehr oder weniger gebannt lausche ich den Beitraegen und tausche mich mit einer jungen Sozialistin ueber die Streiks, Arbeitskaempfe und die Bewegung aus, waehrend ich schmunzelnd die etlichen Mc Kaffees in den Haenden der Aktivisten betrachte. Alles in allem scheint der Klassenkampf hier recht friedlich und gesetzestreu zu verlaufen. Deshalb erspare ich mir die geplante Demo und trete den Heimweg an. Zum Schluss wird es dunkel in Chicago, und ich spuere wie diese Sdtadt mehr zu bieten hat, als ich in der kurzen Zeit wahrnehmen konnte. Dehalb verabschiede ich die nun leuchtende Metropole mit dem Versprechen, wieder zu kommen, um mindestens dem Haymarket, der schwer zu finden ist, da es ihn nicht mehr gibt, noch Respekt zu zollen.
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