Archiv für den Monat: Oktober 2011

Silent witnesses of labour history

Milwaukee ist langweilig? Weit gefehlt! Urspruenglich fuer eine Durchfahrt aufgebrochen, offenbaren sich mir wahre Schaetze der Industriegeschichte. Amerikanischer Industriegeschichte. Verlassene Fabrikgebauede laden direkt zum Erkunden ein! Einmal mehr enttauscht, nur eine Handykamera dabei zu haben, versuche ich die ungeschliffenen Diamanten fuer euch einzufangen. Dabei entdecke ich noch die Fabrik sowie das Museum von Harley Davidson. Und so wird mir an diesem Tag wieder klar, wie wichtig es ist, dem zweiten Eindruck eine Chance zu lassen und auch mal genauer hinzuschauen, haleluja…

2011-10-milwaukee-03.jpg  2011-10-milwaukee-07.jpg  2011-10-milwaukee-08.jpg

2011-10-milwaukee-09.jpg  2011-10-milwaukee-15.jpg  2011-10-milwaukee-17.jpg

2011-10-milwaukee-21.jpg  2011-10-milwaukee-27.jpg  2011-10-milwaukee-28.jpg

2011-10-milwaukee-35.jpg  2011-10-milwaukee-36.jpg  2011-10-milwaukee-38.jpg

2011-10-milwaukee-43.jpg  2011-10-milwaukee-44.jpg  2011-10-milwaukee-47.jpg

2011-10-milwaukee-50.jpg  2011-10-milwaukee-51.jpg  2011-10-milwaukee-53.jpg

2011-10-milwaukee-56.jpg  2011-10-milwaukee-58.jpg  2011-10-milwaukee-60.jpg

2011-10-milwaukee-65.jpg  2011-10-milwaukee-71.jpg  2011-10-milwaukee-72.jpg

No haymarket riots any more

Chicago. DER Schauplatz zum Beginn der Arbeiterbewegung. Ueber hundert Jahre zuvor wurden hier Anarchisten aus Deutschland verurteilt und ermordet. Ein guter Platz also, um mit temporaerem Duldungs-Visa den modernen Klassenkampf unter die Lupe zu nehmen. Als Anarchist aus Deutschland. Da in Milwaukee eh grad nichts los ist, fahre ich mit dem Zug in die Metropole am Michigansee. Hier in einen Zug zu steigen, ist fast, wie zu fliegen. Nur mit gueltigem Ticket gelangt man zum Bahnsteig. Dieser ist auch ueberdacht, trist und dunkel. Eine Betonwueste, in der die staehlernen Giganten sich wie zum Abschuss bereite Silberpfeile dem gleissenden Licht entgegenstrecken.

Die Zugfahrt fuehrt durch endlos scheinende Waelder und Heiden, herbstlich in rot und braun gefaerbt. Kleinere Siedlungen aus Holzhuetten und ab und zu eine Farm vollenden die impressionistische Idylle, gestoert vom Horn des Zugfuehrers, der an den stets unbeschrankten Bahnuebergaengen die hier kreuzenden Einsiedler warnen muss. Im Morgengrauen lande ich im Herz Chicagos und erlebe sogleich den Fluch der parallel angelegten Strassenschluchten: Wind. Sehr starker Wind blaest mir die letzte Nachttruebe aus dem erstaunten Gesicht. Mein Blick schweift die riesigen Wolkenkratzer empor, und dieser Anblick beeindruckt mich tief. Vor allem die historischen Steinstalagniten mit ihren rostigen Feuertreppen wecken mein Interesse. Und immer wieder habe ich das Bild der pausierenden Bauarbeiter auf dem Stahltraeger hoch ueber der Stadt vor Augen. Die Stadt ist noch leer und bleibt es auch waehrend der weiteren Spaziergaenge durch schattige Haeuserschluchten. Alsbald erreiche ich das Pier und im wunderschoenen Sonnenschein geniesse ich den ersten Kaffee vor der Silhouette der Stadt sowie den Anblick vorbeijoggender… aber lassen wir das.

Auf der Museumsinsel – bin wohl zu oft in Berlin gewesen – am museum square, reihen sich die Touristen schon brav in die Schlangen ein. Ob des blauen Himmels entschliesse ich mich fuer ausschliessliche Outdooraktionen und komme so zum Milleniumpark. Kunstvolle Gebilde, fuer die kaum eine Beschreibung meinerseits wuerdig sind, saeumen den Park. Und auch wird langsam voller. Weiter gehts an historischen Hauserschluchten vorbei zum Navy Pier, das eher eine Vergnuegungsmeile ist.

Vergnuegt schlendere ich also weiter und erreiche das Finanzviertel. An einer Kreuzung saeumen froehliche Protestler den Strassenrand. Mit selbstgemalten Schildern verurteilen sie das Steuersystem, den Kapitalismus oder gleich Amerika. Von Trommelkonzerten begleitet, applaudiert die Bewegung jedem vorbei kommenden hupenden Fahrzeug. Dabei wird nicht nach schwarz oder weiss, Hippibulli oder Bugatti unterschieden. Erneut bin ich beeindruckt. Junge Sozialisten wie auch alte Kommunisten verteilen ihre Schriften und an einem benachbarten Denkmal laedt man zur Diskussion, die mit dem Einfuehrungsvortrag “Marx was right” beginnt. Anmerkung fuer dien anglogermanischen Laien: das bedeutet „Marx hatte Recht“ und nicht „Marx war ein Nazi“. Mehr oder weniger gebannt lausche ich den Beitraegen und tausche mich mit einer jungen Sozialistin ueber die Streiks, Arbeitskaempfe und die Bewegung aus, waehrend ich schmunzelnd die etlichen Mc Kaffees in den Haenden der Aktivisten betrachte. Alles in allem scheint der Klassenkampf hier recht friedlich und gesetzestreu zu verlaufen. Deshalb erspare ich mir die geplante Demo und trete den Heimweg an. Zum Schluss wird es dunkel in Chicago, und ich spuere wie diese Sdtadt mehr zu bieten hat, als ich in der kurzen Zeit wahrnehmen konnte. Dehalb verabschiede ich die nun leuchtende Metropole mit dem Versprechen, wieder zu kommen, um mindestens dem Haymarket, der schwer zu finden ist, da es ihn nicht mehr gibt, noch Respekt zu zollen.

2011-10-chicago-01.jpg  2011-10-chicago-03.jpg  2011-10-chicago-05.jpg  2011-10-chicago-13.jpg

2011-10-chicago-08.jpg  2011-10-chicago-10.jpg  2011-10-chicago-12.jpg  2011-10-chicago-07.jpg

2011-10-chicago-14.jpg  2011-10-chicago-16.jpg  2011-10-chicago-20.jpg  2011-10-chicago-30.jpg

2011-10-chicago-25.jpg  2011-10-chicago-27.jpg  2011-10-chicago-32.jpg

2011-10-chicago-22.jpg   2011-10-chicago-34.jpg   2011-10-chicago-35.jpg

    2011-10-chicago-36.jpg  2011-10-chicago-38.jpg  2011-10-chicago-39.jpg

  2011-10-chicago-40.jpg  2011-10-chicago-42.jpg  2011-10-chicago-43.jpg

2011-10-chicago-46.jpg  2011-10-chicago-49.jpg  2011-10-chicago-50.jpg 

2011-10-chicago-51.jpg  2011-10-chicago-54.jpg  2011-10-chicago-55.jpg

2011-10-chicago-56.jpg  2011-10-chicago-62.jpg  2011-10-chicago-66.jpg

2011-10-chicago-67.jpg  2011-10-chicago-68.jpg  2011-10-chicago-69.jpg

2011-10-chicago-76.jpg  2011-10-chicago-77.jpg  2011-10-chicago-78.jpg

2011-10-chicago-79.jpg  2011-10-chicago-83.jpg  2011-10-chicago-84.jpg

2011-10-chicago-86.jpg  2011-10-chicago-97.jpg  2011-10-chicago-99.jpg

2011-10-chicago-101.jpg  2011-10-chicago-102.jpg  2011-10-chicago-104.jpg

2011-10-chicago-107.jpg  2011-10-chicago-108.jpg  2011-10-chicago-109.jpg  2011-10-chicago-112.jpg

2011-10-chicago-119.jpg  2011-10-chicago-113.jpg  2011-10-chicago-115.jpg

2011-10-chicago-117.jpg  2011-10-chicago-118.jpg

 

Lost in Base

Ein weiteres Mal verschlaegt mich eine dienstliche Reise in die Staaten. Ueber die Einreiseprozedur verliere ich in diesem Bericht mal keine Worte. Interessant sind vielleicht meine ersten Erfahrungen mit dem Nacktscanner. Aber eigentlich auch nicht: der Haarausfall war schliesslich vorher schon da und wird sicherlich eher von den Hotelconditionern beguenstigt als von hochdosierter Strahlung.

Die Reise endet in Milwaukee und nach schon wenigen Tagen verlangt es nach einer neuen Reportage aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten. Um die Kritik geneigter Leser gleich mal abzuschwaechen: MIT SICHERHEIT gibt es auch gute, wertvolle Dinge in den U.S.A.. Die haben sich mir in den -  nun doch schon haeufigen – Trips in die Freiheit nicht wirklich erschlossen. Aber ich schwaerme ja auch nicht fuer Hannover, also belassen wir es bei einer einzelnen Meinung.

Zudem gehe ich durchaus entspannt und wertfrei in das Vorspiel, das bei mir aus einem tatsaechlich Braukunst erkennen lassenden Bier und dem dazu passenden 3. Rueckspiel der Milwaukee Brewers in St. Louis besteht. Richtig: Baseball. Da ich mit Eishockey noch nicht richtig warm werde, versuche ich es mal mit diesem Sport. Nun hat Baseball den Ruf, zu komplizierte Regeln zu haben. Aber mal ehrlich, welche Sportart hat diesen Ruf nicht, ausser Klingonen-Scrabble? Und hey, die Amis SPIELEN Baseball. Als ein Mitglied der ehemaligen neuen Bundeslaender hat man ja den Vorteil, die Regeln schon als Kind gefaelligst gelernt zu haben. Richtig, ich spreche von Brennball. Nein, dass ist nicht Voelkerball, sondern die ungefaehrliche Baseball-Version ohne Keule mit Basketball und Barrenhockern als Bases. Tja, im Frieden hat man noch was gelernt. Dementgegen konnte man im Westen natuerlich auch einfach sein Kind zur doerflichen Jugendbaseball-Manschaft schicken, was sicherlich den gleichen und vielleicht auch praxisbezogeneren Lerneffekt hatte. An dieser Stelle mal einen Gruss an die Lehrscher Storcks, die ich zwar nie spielen gesehen habe, aber deren Ruf unheimlich gut war. Lag wahrscheinlich an dem Mythos der unverstaendlichen Spielregeln…

Inzwischen gab es inmitten dieser Dauerwerbesendung tatsaechlich mal drei Szenen, an denen Baelle geworfen und verfehlt wurden. Das Spiel soll drei Stunden gehen, bin gespannt, wieviele Szenen ich dabei sehen werde. Ja die Werbung. Bei diesen Dienstreisen erfahre ich immer wieder aufs neue, warum ich seit Jahren keinen Fernseher mehr habe. Ich kann deshalb nicht beurteilen wie es in Europa um die Werbeeinblendungen steht, aber hier sind sie zufaellig (ja ich habe nach einigen Stunden des Zeitstoppens kein Muster entdecken koennen) in Auftreten, Haeufigkeit und Dauer. Zu meinen televisuellen Erfahrungen zaehlte auch noch, dass Ankuendigen kommender cineastischer Highlights auf dem Sender das Ende des Werbeblocks verkuendeten. Weit gefehlt in diesem Land, danach kommt munter weiter Werbung und ganz zufaellig geht der Film irgendwann weiter. Oder das Sportquiz. Naja, so etwas findet man auf diesem Kontinent natuerlich nicht, dazu sind die Kollegen hier zu pruede. Und das merkt man auch schon an den Liedern, in denen saemtliche erokuenstlerische Freiheit durch hohe Toene unkenntlich gemacht wird. Die Leserschaft mag sich vielleicht vorstellen, wie sich Snoop Doggy Dog hier im Radio anhoert.

Dennoch praesentieren die Einwohner hier ungeniert ihre Unfoermigkeit. Das faellt zumindest in diesem Landstrich sehr auf. Vor allem: ich falle auf. Als Spargelstange im Kartoffelfeld kann ich ungefaehr die Gefuehle einer Blondine in Italien nachvollziehen. Und man sucht hier auch vergebens Sportstaetten. Ein Fitnessstudio kommt auf sieben Kirchen und dreizehn Burger-Ketten. Das Hotelfruhstueck zaubert als einzigen halbwegs natuerlichen Teilnehmer eine gruene Banane heraus, aber es gibt drei Regale mit Torten. Der mager scheinende Fruchtfleisch-simulierende Yogurth hat mehr unbekannte Ersatzstoffe als der Kuehlschrank der ISS am Independent Day. Das Ganze wird serviert mit Wegwerf-Tellern, -Besteck und sogar –Kaffeetassen. DAS gibt kein gutes Gefuehl fuer einen guten Start in den Tag.

Und dann geht es auch gleich im Fahrzeug weiter. Das amerikanische Leihwagen-Modell macht einen robusten und modernen Eindruck. Nur frage ich mich, warum ein Ford Fokus serienmaessig blind spot Spiegel eingebaut hat (Tote-Winkel-Spiegel hoert sich nicht an, aber das ist gemeint), waehrend die Pick-Up Trucks oder Busse darauf verzichten. Aber egal und bequem fahre ich zum naechsten Highway, als in der Auffahrt eine Ampel auftaucht. Diese wechselt von Rot auf Gruen, das davor stehende Fahrzeug setzt sich in Bewegung und ich folge ihm. Ploetzlich und sofort springt die Ampel wieder auf Rot und nach kurzem Hardern gehe ich sofort in die Eisen. Dazu sei angemerkt: wenn ihr die Highway-Patrol hier gesehen habt, wollt ihr nur noch brave Verkehrsteilnehmer sein. Und diese Staturen kann man wirklich Bullen nennen, Respekt. Also die Vollbremsung. Erfolgreich aber mit einem leichten Schlag ins Kreuz. Ein Blick nach hinten verraet mir, dass es die Rueckbank aus der Verankerung gerissen hat. Grossartig, und das noch ohne Ladung… Aber widmen wir uns wieder der Ampel. Gruen. Was soll das? Steht ein Cop mit einer Fernbedienung hinterm Busch und sucht Opfer? Ich fahre erstmal vorsichtig weiter und just beim Passieren der Ampel schaltet diese wieder auf Rot. Und schon droppt der Penny: was der moderne Wolfsburger in seine Badeland-Rutschen montiert hat, hat der Milwaukee zur Verkehrsbeeinflussung seines Highways installiert: die Bahn-Frei-Ampel. Und tatsaechlich: wenige Meter weiter und direkt im Stau beobachte ich eine weitere Auffahrt, in der nur alle zehn Minuten ein Fahrzeug durchgelassen wird, um den Stau zu entlasten. Gar nicht mal so schlecht, denke ich mir und folge beeindruckt dem Verkehsfluss.

Im Cruisen durch Wisconsin gerate ich in mehrere Anomalien aus Szenen links und rechts der Strasse und Erinnerungen an die vielen jugendbegleitenden amerikanischen Endzeitfilme. Die typischen Briefkaesten stehen hier wirklich direkt an der befahrenen Strasse und vom Haus auf diesen Heidepark-grossen Grundstuecken noch nichts zu sehen. Sofort stellt sich die Szene aus „stand by me“ ein als die Briefkaesten mit einem Baseballschlaeger aus dem fahrenden Pickup abgeschlagenen wurden. Der Film ist von `86 und diese Leute hier haben nichts dazu gelernt? Hm, wie stehts eigentlich beim Baseball? Ah, Werbung, nagut. Weiterhin fallen mir wehende amerikanische Fahnen auf. Ja, Fahnen. Flaggen und Aufkleber findet man wirklich ueberall, aber tatsaechlich gibt es auch keinen Landstrich, in dem nicht eine uebergrosse Fahne weht. Und zwar nicht in den Dimensionen, um den Sarg eines heldenhaft gefallenen Soldaten abzudecken, sondern in den Dimensionen, die vierundzwanzig Marines beduerfen, die gerade so den Mast halten koennen. Ihr kennt doch auch die Filme, wo nach heldenhaften aber verlustreichen Einsatz ein Standort aufgegeben, und die US-Fahne eingeholt und gefaltet wird. Solche Fahnen, die siebzehn Mal gefaltet werden bevor sie auf die Ladeflaeche des Sattelschleppers passen: genau solche Fahnen wehen hier in den Vorgaerten bedeutender Leute oder von amerikanischen Autohaeusern.

Stolz aufs Land aber magere Qualitaet, wie mich meine Rueckbank wieder erinnert. Und schon denke ich an das letzte Erlebnis auf einer oeffentlichen Toilette. Von dem auf der Arbeit hier will ich gar nicht erst reden. Es hat mich schon schockiert, dass mir der supervisor ein „be careful“ mit auf den Weg zum restroom mitgibt. Und das nachdem wir aus der Produktionshalle voll mit spanenden Maschinen, nicht abgeschirmten Robotern und offen rotierenden Produktionsteilen kommen… Jedenfalls moechte ich lediglich die Kabinenbauweise der oeffentlichen Erleichterungsanstalt bemaengeln. Als ehemaliger Mitarbeiter eines mitteleuropaeischer Automobilunternehmens hatte ich oftmals genug von der Penetration bezueglich der Spaltmasse zwischen den Teilen. Auf dem Pott in Amerika weiss ich nun, was mir fehlt. Der Spalt zwischen Tuer und Wand ist hier so gross, dass man locker eine Rolle Toilettenpapier durchreichen koennte. Und direkter Blick zur oder von der Eingangstuer. Sehr unangenehm. Und genau das bringt mich zur Sinnfaelligkeit der schon wieder neuen Werbepause und zum Ende dieses Eindrucks aus Amerika. Das war noch kein Homerun. Vielleicht ueberzeugen mich die naechsten Tage mehr. Ihr werdet es als erstes erfahren.