Nun wird es Zeit, auf die Fauna hier mal genauer einzugehen. Spaetestens seitdem die Englaender die Verdraenger einheimischer Eichhoernchen als Delikatesse erkannt und gegrillt haben, sollten die Squirrels bekannt sein. In Kanada gibt es sie in allen moeglichen Farben und Formen. Ja Formen. Wie bei uns verhaeltschelte Muschis fett werden, gedeihen die nagenden Garfields auch hier. In der Stadt. Da Toronto eine sehr gruene, mit Parkflaechen uebersaete Stadt ist, siedeln hier zumindest den Sommer ueber zahlreiche Gefaehrten. Ob der mehr oder weniger bewusst hinzugegebenen menschlichen Abfaelle, gedeihen diese dann eben.
Squirrels sind unglaublich niedlich und haette ich kein Internet (kaum installiert, schon meckern…), wuerde ich vermutlich viele Stunden verbringen, um die possierlichen Wesen zu beobachten. Zum Glueck muss ich surfen. Aber auch die vielen zufaelligen Begegnungen mit Scrat, sind weit mehr als erwaehnenswert. So erschrak sich neulich ein schwarzes Exemplar auf dem Zaun, als ich auf leisen Sohlen vorbei joggte, so sehr, dass es beim verzweifelten Sprung an den rettenden Strommast eben diesen verfehlte und mit ausgebreiteten Aermchen und Beinchen sowie einer – ich schwoere – hochgezogenen Augenbraue und diesem”war ja klar”-Blick, vom Zaun plumpste. Murphy scheint sich auch um andere Lebewesen zu kuemmern. Ein weiteres Exemplar hatte irgendwie Floehe oder aehnliches und schubberte seinen Ruecken sowie das kleine Koepfchen unentwegt am Baum entlang. Ueber so ziemlich jeden Ast. Und das nahezu rueckwaerts. Wem jetzt gleich die Bilder von Sid aus Ice Age (1-7) praesent sind: Bingo! Und dann gab es am letzten Wochenende Regen. Ich schaute verschlafen aus dem Fenster und entdeckte folgenden Genossen: nicht nur, dass der etwas uebergewichtige Kerl es irgendwie geschafft hatte, auf einer schmalen Schnur zu balancieren, nein, zudem war er im Regen draussen. Das sah ich zum ersten Mal. Nun ja, ich sah ja auch zum ersten Mal Regen hier. Hatte dieser eigentlich irgendeine Verbindung zu meinem ersten Tanz am Abend zuvor unter der Dusche, weil ich so stolz auf den neu angebrachten Duschvorhang war? Anyway, das Squirrel befand sich also verdutzt auf der Leine und schuettelte sich und sein Fell aus. Dauernd. Schnell springend, nahezu verrueckt. Und immer wieder den Schwanz als Propeller umfunktionierend. Ein unglaubliches Bild, bis es endlich einen Unterschlupf gefunden hat. Squirrels moegen also kein Wasser. Das muss ich mir unbedingt merken, sollte es mal Probleme mit ihnen geben…
Nun sind aber Squirrels lange nicht das Ende der Niedlich-Kette. Bei unserer ersten Inspektion des nahe gelegenen Highparks, kreuzte ein durchaus kleinerer und ansehnlicherer Gefaehrte unseren Weg: B-Hoernchen. Oder A-Hoernchen? Ich glaube, zoologisch gesehen gibt es dabei keinen Unterschied und die richtige Bezeichnung waere wohl Chipmonk. Ebenso ungestoert vom Vorhandensein menschlicher Existenz in ihrem Nahrungssuchfeld wie ihre groesseren Verwandten es sind, schnueffeln sie nahe unserer Fuesse das Gras ab. Die modischen Zierstreifen strecken oder stauchen sich dabei unregelmaessig. Auch hier kann man stundenlang Beobachtungen anstellen, was sicherlich interessanter ist als in einem Interretblog davon zu lesen…
Verlassen wir aber nun die possierlichen Wesen und wenden uns einer anderen Kategorie zu. Auf einem der letzten naechtlichen Spaziergaenge und kurz vor unserem Haus raschelte etwas ganz in der Naehe. Wir staunten nicht schlecht, als wir auf dem Vordach eines Hauses zwei ausgewachsene Waschbaeren entdeckten. Die beiden irrten umher und suchten offenbar essbare Dinge. Erst durch die Blitze unserer Fotoapparate eingeschuechtert, kletterten Sie an einer Abflussrinne auf den naechsten Zaun hinab. Dann weiter auf die Veranda und zu guter Letzt verschwanden sie im Gebuesch oder Basement des Hauses. Ein wenig beunruhigt kehren wir Heim. Naja, noch haben diese Baeren keine Farbe als Vorsilbe, so dass wir doch noch getrost einschlafen koennen.
Die naechste Kategorie fuehrt uns gleich mal ins Haus. Dass ein seit einem Monat leer stehendes Haus Spinnen foermlich anzieht, muss keinen wundern. Und was fuer tolle Exemplare hier existieren: bunt, gross, beharrt… Aber auch die bekannten Weberknecht-Gattungen scheinen in dieser Klimazone ihre Nischen zu finden. Diese Hausspinnen werden nacheinander fachgerecht umgesiedelt. Gleich gegenueber befindet sich eine Grundschule, die erst wieder im September ihren Betrieb aufnimmt. Genuegend Zeit fuer meine Ex-MitbewohnerInnen also, ihre Netze erneut zu spinnen und ihr ohnehin kurzes Leben zu geniessen. Insgesamt habe ich doch mehr Spinnenwesen aus dieser Holzhuette rausgeholt als ich erwartet hatte. Immer wieder taucht ein neues Exemplar auf. Ein dickes behaartes hielt sich fuer besonders schlau und wechselte die Verstecke. Um ehrlich zu sein, hab ich sie auch noch nicht erwischt, denn sie sieht mich herausfordernd an, ist bislang aber jedes Mal schneller als ich mit dem Becher. Dafuer hat Tamara auch einen Namen bekommen. Doch abgesehen von den Spinnenwesen und Genossin Tamara treiben sich noch weitere Lebensarten hier rum. Eines fruehen Morgens im Bad laeuft etwas Seltsames an meinen Fuessen vorbei. Ziemlich schnell. Sehr lange und viele Beine, langer Koerper, ziemlich gross und irgendwie unheimlich. Vor allem, weil ich wenig spaeter in der noch dunklen Kueche ein Krabbeln im Nacken verspuere. Ja, genau – so wie der geneigte Leser, hab ich auch reagiert. In einer blitzschnellen und geuebt erscheinenden Bewegung schuettele ich das vermeintliche Vieh ab, hebe gleichzeitig einen Fuss, greife meinen Badelatsch – oder wie auch immer der Singular dieser Treter lautet – und schlage zu. Licht an und: tatsaechlich getroffen, immerhin bin ich nicht nachtblind und das Wesen hat einen weissen Unterkoerper, der sich auf unserem dunklen Hartholzboden abhebt. Das Ergebnis ist ekeliger als erwartet: weisse Masse garniert mit Beinchen klebt auf dem Holz. Und nicht zu knapp. Aehnlichkeiten mit dem Vieh aus dem Badezimmer sind durchaus erkennbar, aber der deutliche lokale Unterschied laesst nicht den Schluss zu, dass es dasselbe war. Schockiert gehe ich erstmal arbeiten. Den Vorfall schnell vergessend, fange ich eine Woche spaeter ein aehnliches Wesen und setze es vor die Tuer. Der Unterschied zu schon gesehenem und vernichtetem Wesen: die Laenge, auf die es hier auch schon mal ankommt. Der juengst entledigte war entweder unterentwickelt oder Nachwuchs. Letzteres ist nicht gerade ermunternd. Die naechste Begegnung laesst jedenfalls nicht lange auf sich warten. Vorgestern in der Kueche: waehrend ich meinen frischen Fairtrade-Kaffee aus der sicherlich von chinesischen Teilzeitkindern gefertigten neuen Maschine geniesse, flitzt etwas beunruhigend Grosses auf dem Boden entlang. Ignorieren hat bekanntlich schon viele Unannehmlichkeiten geloest, also schluerfe ich die mexikanische Bohne weiter. Leider findet das Vieh heute mal kein Versteck und flitzt zwischen Kuehlschrank und Wand hin und her. Als es bemerkt, dass ich ihm doch auf den Fersen bin, beschleunigt es. Ziemlich schnell sogar, und wuerde Tamara im 100mm (= 2540 inch) -Lauf glatt abhaengen. Schliesslich fange ich es also doch noch und der Anblick ist nicht gerade schoen. Also: unterm Glas gelassen und auf den Abend gewartet, um das Vieh zu googlen. Es handelt sich um einen Centipedes, einen Hundertfuessler – offensichtlich hier verbreitet, wie mir Arbeitskollegen bestaetigen. Sie koennen bis zu sieben Jahre alt und fuenf Zentimeter lang werden, wenn die Umgebung stimmt. Und stechen koennen sie auch noch – ebenso effektvoll wie Wespen, gefahrlich fuer Leute mit Allergien. Das ist nicht gerade schoen, also gleich ab in die Schule mit ihm….

Seitdem gab es erstmal keine weiteren Bekanntschaften mit einheimischer Fauna, aber ich halte die Augen und Ohren offen!