Archiv für den Monat: August 2011

Breaking News

Neues vom Nagetier. Unlaengst berichtete ich von den Ratten kanadischer Grossstaedte, den Squirrels, und ihrem nicht immer leicht nachvollziehbaren bekloppten Verhalten. Die Diskussion mit einem Aktivisten der hier zahlreich vertretenden Umweltverbaende plausibilisierte mir eine Erklaerung. Die Squirrelpopulation in Toronto entstand und vergroesserte sich aus Inzest, weshalb die meisten dieser Nager einfach doof sind. Vielleicht ist jetzt dem geneigten Leser klar, warum sie so drollig sind. Die Tiere bieten unglaubliche Shows. Zu jeder Tageszeit und an jedem Ort. Am vergangenen Wochenende habe ich erstmalig ein Squirrel schlafen sehen. Samstag mittag. In einer Baumgabelung mitten auf dem belebten Marktplatz. Offensichtlich kein ruhiger Schlaf, denn in regelmaessigen Abstaenden wand es sich und wechselte die Liegeposition. Man muss sich hierbei Sid auf dem Stein vorstellen, um eine Vorstellung vom Geschehen zu bekommen. Den Hoehepunkt allerdings stellte die sitzende Haltung da. Auf den Hinterpfoetchen abgestuetzt, Arme baumelnd und den Kopf vornueber in die zarte Brust vergraben. Unglaublich. Nunja, zuweilen also bekloppt. Der Inzest-Theorie folgend gab es also mal zwei kontraergeschlechtliche Auswandersquirrels, die in Toronto ihr Glueck versuchten, ob der zahlreichen Nahrung eine Familie gruendeten und die Population aufbauten. An die Folgen fuer ihre Gattung hatten sie dabei wohl nicht gedacht. Lasst euch das eine Lehre sein, ihr abgeschiedenen Doerfer Norddeutschlands…

another squirrel

Von Versicherungsvertretern und Bankfachkraeften. Die Ueberschrift laesst eine weitere detaillierte Abhandlung ueber die soziale und humanitaere Unfaehigkeit dieser Berufsgruppen vermuten. Davon kann bestimmt jeder Leser und jede Leserin berichten und der Blog wuerde ob der Geschichten aus Begegnungen mit dieser Art der Gesellschaft sein kapazitives Limit erreichen. Nein, an dieser Stelle mal voellig unerwartete positive Erlebnisse in Interaktionen mit Bank und Versicherung: Nun benoetige ich fuer meinen Autokauf ja etwas Geld, was nebenbei bemerkt als Mensch ohne kanadische Historie nicht leicht zu bekommen ist. Ich spreche mit meinem Bankmann also ueber eine Finanzierung. Dieser rechnet mir alles vor und – nun das verwirrende – empfiehlt mir andere Stellen, bei denen ich womoeglich bessere Zinsen bekomme. Das macht er ganz offiziell und laut, und ohne Ruecksicht auf die ihn ueberwachende Mitarbeiterkamera. Wo gibts denn so etwas? Ebenso die KFZ-Versicherung, die mir als Automobilclub-Mitglied keinen Rabatt geben kann, kommt ja vor. Ich hatte ein einfaches Nein erwartet. Stattdessen nennt und empfiehlt sie mir ihre Konkurrenten, die den Rabatt anbieten. Das hatte ich bislang noch nicht erlebt. Auch Verkaeufer nehmen kein wettbewerbshemmendes Blatt vor den Mund. Sie empfehlen, bestimmte Dinge lieber im Netz zu kaufen. Und ein weiterer Dealer gab auch umfangreiche Tipps fuer den Autokauf mit dem Wissen, bei ihm werden wir keine Kunden. Die Philosophie scheint anders zu sein als in der Heimat bekannt. Irgendwie menschlicher…

The American Dream

Ist man schon einmal auf dem Kontinent, der mit Sicherheit und Gewalt zu den letzten Oelbesitzern gehoert, kann man getrost noch ueber den Kauf eines herkoemmlichen Fahrzeuges nachdenken und muss nicht atomkraftunterstuetzende Elektrovehikel preferieren. Wobei ich mir noch nicht ganz sicher bin, was moralisch besser vertretbar ist: Krieg oder Atomkraft. Fuer den Krieg entschieden mache ich mich nun auf, ein passendes Fahrzeug zu finden. Um den amerikanischen Traum noch besser studieren zu koennen, muss es ein Auto dieser nationalen Hersteller werden. Bei denen ist es durchaus eine Wonne unter die Motorhauben zu sehen. Was ein Platz… Da koennen ganze Marderzivilisationen bequem ueberleben. Naja die Waschbaeren sind etwas dicker… vermutlich deshalb der Platzbedarf. Und inmitten dieser Studentenwohnung haust der Block mit kaum weniger als sechs Zylindern. Da lacht das Cowboyherz.

Nun will ich den nicht unbedingt erstrebenswerten Lifestyle ja nicht vollsaendig okkupieren, erstens bin ich Kanadier und nicht Ami, zweitens meutert meine sozialoekologische Verantwortung be idem Gedanken an so viel ueberfluessigen ‘Mehr Power’ angesichts der Geschwindigkeitsbegrenzung auf 100km/h auf allen Highways. Also wird ein Fahrzeug mit nur vier Zylindern und akzeptablem Verbrauch gesucht. Das verursacht dann sicherlich auch nur kleinere Oel-Kriege. Bezueglich des Designs kann man nur sagen: ein Fliessheck findet man hier selten. In den Kofferaeumen der Sedans kann zwar auch Schlumpfhausen in Originalgroesse nachgebaut werden, aber das Billy-Regal passt nicht durch die Oeffnungsluke. Da ich auch mal Campen will, fallen alle Stufenheck-Varianten also auch aus. Bleibt nicht mehr viel, aber amerikanisch solls doch schon sein! Womit wir zur naechsten Huerde kommen: Geld. Dem Vorbild der Ueberschuldung folgend, wollte ich meinen Teil zur naechsten Finanzblase und -krise beitragen. Nun muss ich feststellen, dass das gar nicht so einfach ist. Um einen Kredit oder eine Finanzierung, so klein der Betrag auch ist, bekommen zu koennen, bedarf es einer Kreditgeschichte. Also alle vergangenen Zahlungsvorgaenge, die die Kreditwuerdigkeit bestaetigen. In Kanada. Auch hier wird nix europaeisches anerkannt. Fuer die Banken bin ich also ein Niemand. Deshalb benoetigt man Buergen und die Genehmigung des Bankdirektors fuer die lausigen Dollars. Sodann kuemmert man sich um die Versicherung. Auch hier wird nichts aus Europa anerkannt. Lediglich der Fuehrerschein muss uebersetzt, und kann dann getauscht werden. Kostet natuerlich. Natuerlich auch einzeln: das Uebersetzen und das Tauschen. Die Versicherung kennt deine fahrtechnische Historie nicht, also stuft sie dich erstmal hoch. Mit dem passenden Auto, der Honda Accord steht beispielsweise grad hoch im Diebstahlkurs, ist man dann bei knapp zehntausend Dollar im Jahr. Ja richtig, so habe ich auch geguckt. Deshalb habe ich den Betrag ausgeschrieben, kein Fehler. Das aendert sich natuerlich in einem Jahr, aber gilt halt als Einstieg. Ich komme mit meiner Wahl des Autos auf knapp 3000 Dollar, ein Fliessheck wird eben selten geklaut.

Es gibt also viel, worauf man achten sollte, will man mobil sein. Ich jedenfalls werde diese Huerden angehen, es ist fuer meinen american dream…

Squirrels, Centipedes and B-Hoernchen

Nun wird es Zeit, auf die Fauna hier mal genauer einzugehen. Spaetestens seitdem die Englaender die Verdraenger einheimischer Eichhoernchen als Delikatesse erkannt und gegrillt haben, sollten die Squirrels bekannt sein. In Kanada gibt es sie in allen moeglichen Farben und Formen. Ja Formen. Wie bei uns verhaeltschelte Muschis fett werden, gedeihen die nagenden Garfields auch hier. In der Stadt. Da Toronto eine sehr gruene, mit Parkflaechen uebersaete Stadt ist, siedeln hier zumindest den Sommer ueber zahlreiche Gefaehrten. Ob der mehr oder weniger bewusst hinzugegebenen menschlichen Abfaelle, gedeihen diese dann eben.

Squirrels sind unglaublich niedlich und haette ich kein Internet (kaum installiert, schon meckern…), wuerde ich vermutlich viele Stunden verbringen, um die possierlichen Wesen zu beobachten. Zum Glueck muss ich surfen. Aber auch die vielen zufaelligen Begegnungen mit Scrat, sind weit mehr als erwaehnenswert. So erschrak sich neulich ein schwarzes Exemplar auf dem Zaun, als ich auf leisen Sohlen vorbei joggte, so sehr, dass es beim verzweifelten Sprung an den rettenden Strommast eben diesen verfehlte und mit ausgebreiteten Aermchen und Beinchen sowie einer – ich schwoere – hochgezogenen Augenbraue und diesem”war ja klar”-Blick, vom Zaun plumpste. Murphy scheint sich auch um andere Lebewesen zu kuemmern. Ein weiteres Exemplar hatte irgendwie Floehe oder aehnliches und schubberte seinen Ruecken sowie das kleine Koepfchen unentwegt am Baum entlang. Ueber so ziemlich jeden Ast. Und das nahezu rueckwaerts. Wem jetzt gleich die Bilder von Sid aus Ice Age (1-7) praesent sind: Bingo! Und dann gab es am letzten Wochenende Regen. Ich schaute verschlafen aus dem Fenster und entdeckte folgenden Genossen: nicht nur, dass der etwas uebergewichtige Kerl es irgendwie geschafft hatte, auf einer schmalen Schnur zu balancieren, nein, zudem war er im Regen draussen. Das sah ich zum ersten Mal. Nun ja, ich sah ja auch zum ersten Mal Regen hier. Hatte dieser eigentlich irgendeine Verbindung zu meinem ersten Tanz am Abend zuvor unter der Dusche, weil ich so stolz auf den neu angebrachten Duschvorhang war? Anyway, das Squirrel befand sich also verdutzt auf der Leine und schuettelte sich und sein Fell aus. Dauernd. Schnell springend, nahezu verrueckt. Und immer wieder den Schwanz als Propeller umfunktionierend. Ein unglaubliches Bild, bis es endlich einen Unterschlupf gefunden hat. Squirrels moegen also kein Wasser. Das muss ich mir unbedingt merken, sollte es mal Probleme mit ihnen geben…

Nun sind aber Squirrels lange nicht das Ende der Niedlich-Kette. Bei unserer ersten Inspektion des nahe gelegenen Highparks, kreuzte ein durchaus kleinerer und ansehnlicherer Gefaehrte unseren Weg: B-Hoernchen. Oder A-Hoernchen? Ich glaube, zoologisch gesehen gibt es dabei keinen Unterschied und die richtige Bezeichnung waere wohl Chipmonk. Ebenso ungestoert vom Vorhandensein menschlicher Existenz in ihrem Nahrungssuchfeld wie ihre groesseren Verwandten es sind, schnueffeln sie nahe unserer Fuesse das Gras ab. Die modischen Zierstreifen strecken oder stauchen sich dabei unregelmaessig. Auch hier kann man stundenlang Beobachtungen anstellen, was sicherlich interessanter ist als in einem Interretblog davon zu lesen…

Verlassen wir aber nun die possierlichen Wesen und wenden uns einer anderen Kategorie zu. Auf einem der letzten naechtlichen Spaziergaenge und kurz vor unserem Haus raschelte etwas ganz in der Naehe. Wir staunten nicht schlecht, als wir auf dem Vordach eines Hauses zwei ausgewachsene Waschbaeren entdeckten. Die beiden irrten umher und suchten offenbar essbare Dinge. Erst durch die Blitze unserer Fotoapparate eingeschuechtert, kletterten Sie an einer Abflussrinne auf den naechsten Zaun hinab. Dann weiter auf die Veranda und zu guter Letzt verschwanden sie im Gebuesch oder Basement des Hauses. Ein wenig beunruhigt kehren wir Heim. Naja, noch haben diese Baeren keine Farbe als Vorsilbe, so dass wir doch noch getrost einschlafen koennen.

Die naechste Kategorie fuehrt uns gleich mal ins Haus. Dass ein seit einem Monat leer stehendes Haus Spinnen foermlich anzieht, muss keinen wundern. Und was fuer tolle Exemplare hier existieren: bunt, gross, beharrt… Aber auch die bekannten Weberknecht-Gattungen scheinen in dieser Klimazone ihre Nischen zu finden. Diese Hausspinnen werden nacheinander fachgerecht umgesiedelt. Gleich gegenueber befindet sich eine Grundschule, die erst wieder im September ihren Betrieb aufnimmt. Genuegend Zeit fuer meine Ex-MitbewohnerInnen also, ihre Netze erneut zu spinnen und ihr ohnehin kurzes Leben zu geniessen. Insgesamt habe ich doch mehr Spinnenwesen aus dieser Holzhuette rausgeholt als ich erwartet hatte. Immer wieder taucht ein neues Exemplar auf. Ein dickes behaartes hielt sich fuer besonders schlau und wechselte die Verstecke. Um ehrlich zu sein, hab ich sie auch noch nicht erwischt, denn sie sieht mich herausfordernd an, ist bislang aber jedes Mal schneller als ich mit dem Becher. Dafuer hat Tamara auch einen Namen bekommen. Doch abgesehen von den Spinnenwesen und Genossin Tamara treiben sich noch weitere Lebensarten hier rum. Eines fruehen Morgens im Bad laeuft etwas Seltsames an meinen Fuessen vorbei. Ziemlich schnell. Sehr lange und viele Beine, langer Koerper, ziemlich gross und irgendwie unheimlich. Vor allem, weil ich wenig spaeter in der noch dunklen Kueche ein Krabbeln im Nacken verspuere. Ja, genau – so wie der geneigte Leser, hab ich auch reagiert. In einer blitzschnellen und geuebt erscheinenden Bewegung schuettele ich das vermeintliche Vieh ab, hebe gleichzeitig einen Fuss, greife meinen Badelatsch – oder wie auch immer der Singular dieser Treter lautet – und schlage zu. Licht an und: tatsaechlich getroffen, immerhin bin ich nicht nachtblind und das Wesen hat einen weissen Unterkoerper, der sich auf unserem dunklen Hartholzboden abhebt. Das Ergebnis ist ekeliger als erwartet: weisse Masse garniert mit Beinchen klebt auf dem Holz. Und nicht zu knapp. Aehnlichkeiten mit dem Vieh aus dem Badezimmer sind durchaus erkennbar, aber der deutliche lokale Unterschied laesst nicht den Schluss zu, dass es dasselbe war. Schockiert gehe ich erstmal arbeiten. Den Vorfall schnell vergessend, fange ich eine Woche spaeter ein aehnliches Wesen und setze es vor die Tuer. Der Unterschied zu schon gesehenem und vernichtetem Wesen: die Laenge, auf die es hier auch schon mal ankommt. Der juengst entledigte war entweder unterentwickelt oder Nachwuchs. Letzteres ist nicht gerade ermunternd. Die naechste Begegnung laesst jedenfalls nicht lange auf sich warten. Vorgestern in der Kueche: waehrend ich meinen frischen Fairtrade-Kaffee aus der sicherlich von chinesischen Teilzeitkindern gefertigten neuen Maschine geniesse, flitzt etwas beunruhigend Grosses auf dem Boden entlang. Ignorieren hat bekanntlich schon viele Unannehmlichkeiten geloest, also schluerfe ich die mexikanische Bohne weiter. Leider findet das Vieh heute mal kein Versteck und flitzt zwischen Kuehlschrank und Wand hin und her. Als es bemerkt, dass ich ihm doch auf den Fersen bin, beschleunigt es. Ziemlich schnell sogar, und wuerde Tamara im 100mm (= 2540 inch) -Lauf glatt abhaengen. Schliesslich fange ich es also doch noch und der Anblick ist nicht gerade schoen. Also: unterm Glas gelassen und auf den Abend gewartet, um das Vieh zu googlen. Es handelt sich um einen Centipedes, einen Hundertfuessler – offensichtlich hier verbreitet, wie mir Arbeitskollegen bestaetigen. Sie koennen bis zu sieben Jahre alt und fuenf Zentimeter lang werden, wenn die Umgebung stimmt. Und stechen koennen sie auch noch – ebenso effektvoll wie Wespen, gefahrlich fuer Leute mit Allergien. Das ist nicht gerade schoen, also gleich ab in die Schule mit ihm….

Viech    Viech     DAS Viech

Seitdem gab es erstmal keine weiteren Bekanntschaften mit einheimischer Fauna, aber ich halte die Augen und Ohren offen!