Archiv für den Monat: Juli 2011

Caribbean Carnival

Und ein weiteres heisses Sommerwochenende steht an. Dieses Mal mit Feiertag und weiteren musikalischen sowie feierlichen Veranstaltungen. Wir entscheiden uns fuer das karibische Fest am uns nahe gelegenen Strand Boulevard. Da unser Wohnort ja mitten im karibischen Viertel liegt, startete die Party also direkt dort. Ob aus riesigen Boxen, kleineren Ghettoquaeken oder einfach den offenen Heckklappen – karibische Klaenge zwischen Techno und Rap durchdringen die gefuellten Strassen. BBQs auf den Wiesen, in den Vorgaerten oder auf den Balkonen. Jamaika-Fahnen, die einzigen, die ich aus der Gegend identifizieren kann, ueber Motorhauben gespannt oder wehend in Kinderhaenden. Am Strand angekommen und eine Bruecke erklommen, wird erstmal das Ausmass dieses Festes klar: Massen bis zum Horizont. Auf allen Seiten. Und was eine Partystimmung. Also probieren wir Kokonusswasser, Maiskolben und manch andere kulinarische Leckereien. Einen Bierstand sucht man vergebens, diese Provinz scheint dem Alkohol nicht so offen gegenueber zu stehen… Eine bunt geschmueckte Parade karibischer Eindruecke zieht an uns vorueber. Und immer wieder mit Musik und Tanz, sei es von Kapellen oder Konserven. Bis in den spaeten Abend ist dieser Teil von Toronto im Rausch der Karibik. Gefaellt mir.

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Das fuer mich eindrucksvollste Ereignis folgt aber am Schluss: auf dem Weg nach Hause passiere ich mehrere, die Veranstaltung begleitende Ordnungshueter. Einer mir oertlich nahe stehenden Polizisten sieht mich an und: gruesst mich. Einfach so. ‘Hey guys how are you?’ Ich bin sprachlos. Mich hat noch niemals ein Polizist freundlich gegruesst, ohne dass er etwas von mir wollte. Und das auch noch mit anarchistischem Shirt (also ich, nicht der Polizist). Mal sehen, wie die Jungs im Winter so drauf sind, der Sommer gefaellt mir hier jedenfalls.

All summer long…

Der Sommer scheint kein Ende zu nehmen. Kurze Gewittersturme koennen die Hitze kaum lindern und wirken eher wie ein Tropfen auf dem heissen stein. Das ist mit vier Wochen ueber 30 Grad einer meiner laengsten Sommer. Bin auf den Winter gespannt.

Der Sommer in Toronto ist mit vielen Festen und Events geschmueckt. Jedes Wochenende finden mind. 3 Veranstaltungen gleichzeitig statt. Und das ohne Eishockey. So gab es das letzte WE ein Strassenfest ganz in der Naehe: Durch Zufall bemerken wir die abgesperrte Strasse und tauchen neugierig in die froehliche Menschenmenge ein. Zahlreiche Kuenstler, zum Grossteil frisch von der Uni, bieten ihre Werke zum Verkauf. Neben bunten und abstrakten Bildern finden wir geschickte Naehereien und allerlei Schnickschnack, der nach dem Erwerb meist auf dem Kaminsims verstaubt. Verschiedene Buehnen bilden den musikalischen Rahmen. Auf einer davon rappen sechs Freestyler um die Gunst der Passanten. Die Kids zeigen dabei nicht nur ihre kreative Ader, sondern auch ihre soziale, da sie sich um Strassenjungs – die sie selbst waren – kuemmern. Ueberhaupt gibt es sehr viele sozial- und oekopolitische Gruppen zwischen den vertraeumten Kuenstlern. So trage ich mich gleich mal in einen Wettbewerb der vegetarischen Front (Uebersetzung hinkt vielleicht etwas) ein. Zu gewinnen gibt es ein vegetarisches Kochbuch, sollte man eine Woche lang auf Fleisch verzichten koennen. Nun, bei den Preisen hier faellt das nicht schwer und wird von uns eh grad praktiziert, zumal wir uns die Fleischeslust fuer ein friedlich selbst erlegtes kanadisches Stueck Wild oder so aufsparen. Notfalls weiss ich jedenfalls, wie man Squirrels faengt… Die vegetarische Kleingruppe bringt interessante Publikationen raus, um Buergern die Gruende fuer eine gesunde vegetarische/ vegane Lebensweise nahe zu legen und die Fehlinformationen ueber die Notwendigkeit von Tierpropdukten zu widerlegen. Da es hier doch einige der amerikanischen Burgermentalitaet nacheifernde Menschen gibt, eine sinnvolle und lobenswerte Initiative. Oi.

Downtown Impressions     Downtown Impressions

Des Weiteren fiel uns auch schon bei vorherigen Strassenbummeln auf, dass altmodischer Stil offenbar gerade angesagt ist. Ueberall gibt es Vintage-Stores, die gebrauchte oder neu produzierte Sachen der 50er bis 70er Jahre vertreiben. Waehrend die Aufmerksamkeit von kultigen Sommerkleidern angezogen wird, durchwuehle ich mehr oder weniger interessiert die Kiste mit den Playboys der Jahrgaenge ’54 bis ’63. Unglaubliche Schaetze treten zum Vorschein… Aber auch die Plattensammlungen mit Fleetwood Mac und Black Sabbath sind nicht zu verachten.

Zu gutter Letzt finden wir noch einen Buecherstand, der riesige Berge von Buechern fuer je einen Dollar verkauft. Wir erzaehlem ihm, dass wir eh noch kein Regal oder ueberhaupt Moebel haben. Das jedoch ermuntert den Freund, uns nahe zu legen, was man mit Buechern fuer tolle Moebel bauen kann. Nach langem Stoebern erleichtern wir ihn um eine Reihe Terry Pratchett, Anleitungen der schwarzen Magie sowie einen geschichtlichen Abriss ueber Kanda geschrieben von franzoesischen Separatisten, dem ‘Blackbook of Englishmen’. Alles Vorbereitungen auf einen langen Winter…

Strange business trip

So ergibt sich nun schon nach einer Woche eine kleinere Dienstreise ins Nachbarland. Da es davon nicht so viel gibt, duerfte klar sein, dass es sich um die Staaten handelt. Ich hatte ziemlich geschwitzt und allerlei Energie und Zeit fuer Vorbereitung sowie Organisation aufgetan, um die Arbeitserlaubnis fuer Kanada zu bekommen. Was zur Hoelle muss ich fuer die Staaten tun? Vom Arbeitgeber bekomme ich Geschaeftsunterlagen, einen zweiseitigen Brief als Geschaeftsvisumsantrag, der mich, die Firma und den Grund der Reise erklaert, sowie viel Glueck auf den Weg. Natuerlich reicht das nicht, wie ich am Flughafen feststelle. Mit Hilfe einer Info-Dame, die mich an ihren Rechner laesst, beantrage ich online die Einreise, wasnatuerlich ebenfalls kostet. Hektisch, um den Flug nicht zu verpassen, versuche ich die mich andauernd fragenden infobeduerftigen Touristen freundlich abzuwimmeln und gleichzeitig die notwendigen Dokumente auszufuellen. Sodann atze ich zum Schalter und… alles gut!

Dann folgt die endlose erste Schlange vor dem Vorher-Check-Officer. Dieser fragt, ob ich alles haette, was ich im gewohnt militaerischen Ton bestaetige. Dann die naechste Schlange. Ein nervoeser Kerl hinter mir wird nach seinem Reisepass gefragt, worauf er wuetend, schnaubend und bestimmt zurueckraunzt: I don’t need a passport – I am Nexus! (Ich benoetige keinen Pass – ich bin Anarchist). Ich war beeindruckt…

Das Einreiseinterview stellte dann kein weiteres Problem dar, zwei weitere Schlangen und Checks folgten bis ich endlich am Gate zur Maschine stand, waehrend im Pub hinter mir das Volk einem Tor der US-Frauenfussballmanschaft gegen die japanische zujubelte. Zu frueh gefreut wie sich heraus stellte…

Letztendlich kam ich in der kleinen Stadt Florence, South Carolina, auf dem Bahnhof mit Chesna-Rollbahn an und cruiste alsbald im geraeumigen Corolla zum Hotel. Hier hatte ich alles, Mikrowelle, zwei Doppelbetten, ca. 30 Fuss Flatscreen sowie einen riesigen begehbaren Kuehlschrank. Leider leer, was mich ein wenig verwunderte, da auch sonst nur Bibeln und keinerlei Minibar in den ueberdimensionierten Schraenken zu finden war. Also zog ich nochmal los, um mir das verdiente Feierabend-Pils zu jagen. Schwierig an Sonntag-Abenden in dieser Provinz. Hier ist es offenbar Sonntags verboten, Alkohol zu verkaufen.  Das Essen fiel dann auch eher ‘fast’ aus…

Ansonsten eine ruhige kleine Stadt, in der abends einige Mustangs mit wahnsinnigem Leerlauf-Motorgehaeul aber im Schritttempo vorbei cruisen. Aber eine Hitze hier, Wahnsinn. Die Gespraeche der Amis beinhalten dann entweder technisch militaerische Details (ich habe viel ueber Hellfire-Raketen gelernt), die Auslegung des 9000W Notstromaggregats in der Garage fuer eventuelle Hurrican-bedingte Stromausfaelle, oder aber die Laenge des eigenen Bootes. Da ich noch nicht mal ein Bett habe, konnte ich nicht mitreden.

Zu gutter Letzt muss ich das Tanken nochmal erwahnen: hier zahlt man im Vorraus. Erst, wenn Kohle ueber den Tresen gewachsen ist, wird der Zapfhahn freigegeben. Und das Restgeld kann man sich spaeter wieder abholen. Vertrauenserweckende Gegend…